Predigten zum Nachlesen über das Vaterunser

Keramiktafel an der Vaterunserkirche Jerusalem

Die Sommerpredigtreihe 2018 in den evangelischen Kirchengemeinden in Schwäbisch Hall und Gelbingen beinhaltete einzelne Bitten und Themen des Vaterunsers. Hier können Sie die einzelnen Predigten nachlesen!

Predigten der Vaterunser- Predigtreihe Sommer 2018

  • add „Vom Beten“ Predigt über Mt 6,5-8 von Pfarrerin Babette Bayer


     

    Unser heutiger Predigtabschnitt steht im Mt-Evgl. direkt vor dem Vaterunsergebet – Jesus führt zu diesem universalen Gebet der Christenheit hin, das in der Mitte der Bergpredigt steht. Er sagt in

    Kap 6,5-8:

    Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

    Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

    Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

    Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

     

    Liebe Gemeinde,

    ich schließe die Tür hinter mir zu. Das Handy bleibt draußen. Jetzt bin ich allein. Allein? Nicht wirklich. Unsichtbar kommt vieles mit zur Tür herein.

    Das, wovon ich jetzt genug habe.

    Das, was mich sagen lässt: Jetzt will ich meine Ruhe haben.

    Das, wovon ich Abstand brauche.

    Menschen, die mich beschäftigen, Menschen, die etwas von mir erwarten. Menschen, die mich kritisieren.

    Auch Nachrichten, was gerade wieder in dieser Welt passiert.

    Ich schließe die Tür zu und bin allein – mit wem, mit was?

    Und dann: Finde ich wirklich die Ruhe, die ich jetzt gern hätte?

    Ständig gäbe es etwas zu tun – und mein Tun rechtfertigt doch mein Leben, oder? Was ich leiste, dort wo ich in meinem Leben stehe:

    Meine gute Arbeit im Betrieb, in der Firma, im Amt, in der Kirche; meine Arbeit im Haus, ein gutes Mittagessen, ein leckerer Kuchen. Kochen, Waschen Putzen. Und gießen – hört das denn nie auf in diesem Sommer?

    Ich kann nichts mehr leisten – wie oft höre das? Mit 90!

    Ich bin, weil ich was leisten kann? Was vorzeigen?

    Ich mache die Tür hinter mir zu – doch die Ruhe ist noch keine.

    Im Kopf sind noch alle da, noch alles da, was mich beschäftigt.

    Ich schließe die Tür hinter mir zu.

    Das Kämmerlein ist klein und dunkel – eine Vorratskammer. Die einzige abgeschlossene Kammer, die es im kleinen Palästinahaus gibt. Nur hier hat man seine Ruhe, ist man allein.

    Das hat Jesus gesagt: Geh in dein Kämmerlein. Schließ die Tür zu. Da ist man allein mit sich.

    Hier wird sich zeigen, ob ich das aushalten kann. Allein sein mit mir.

    Leben wir nicht ständig im Außen, draußen in der Welt, in unserer Arbeit, mit unserer Familie? Wo ist meine Mitte, mein ruhender Pol?

    Und wenn keiner da ist – dreh ich nicht das Radio an – andere den Fernseher? – Weil die Stille so schwer auszuhalten ist.

    Geh in dein Kämmerlein. Suche deine Mitte, deine Vorratskammer – von was lebst du, was trägt dich?

    Da im Kämmerlein kannst du niemand was beweisen. Und musst du auch nicht.

    Da bist du so, wie du bist.

    Vielleicht gefällt mir die aber nicht, die ich bin. Wäre gern eine andere – liebenswerter? Erfolgreicher? Beliebter? Jünger? Was weiß ich – nur eben nicht die, die ich jetzt bin. Oder?

    Würde gern der Welt mehr präsentieren, würde gern mehr Einfluss haben – hab ich aber nicht – im Weltganzen zumindest ist mein milliardstel Einfluss gering. Die Welt dreht sich nicht um mich. Wer bin ich? Kann ich in meinem Kämmerlein dem standhalten?

    Und dann - bete!

    Nicht draußen, in der Synagoge, wo man gewöhnlich betet, nicht in der Kirche, nicht in der Öffentlichkeit. Dreimal am Tag sollst Du beten, heißt es im Judentum. Auch unsere Gebetsglocken rufen heute noch morgens, mittags, abends zum Innehalten, zum Gebet.

    Deine Gebetsleistung kannst du zwar gern anderen vorführen, aber Gott beeindruckt sie nicht. „Du Heuchler“, sagt Jesus zu ihnen, dafür gibt es keinen Lohn! – Heuchler auch die, die ohne Beten was leisten – Tute Gutes und rede darüber!

    Sei du selbst – allein mit dir – hinter deiner verschlossenen Tür.

    Vielleicht gefällt dir das nicht, was du da siehst – den kleinen Menschen mit seinen großen Sehnsüchten und Wünschen.

    Kennt mich Gott überhaupt?

    Und doch: Bete!

    Also rede auf ihn ein, beschwöre ihn – mit vielen Worten – sage ihm meinen Kleinkram, was mir fehlt, was ich mir wünsche. Oder ist das auch nicht richtig?

     

    Bete? Zu wem? Das ist zu klären.

    Wer ist noch da -unsichtbar in diesem kleinen Kämmerlein meines Herzens? Wer ist Gott für mich?

    Ist er für mich wie ein Mensch? Etwa wie mein Arbeitgeber, mit dem es einen Vertrag gibt: Ich tu was für mich, du bezahlst mich.

    Ich bete für alle sichtbar, tue Gutes, zumindest nichts Schlechtes und dann werde ich mit Gesundheit und Wohlstand bezahlt?

    Oder ist Gott wie ein reicher, ferner Verwandter, der mich nicht kennt, aber von dem ich gerne erben würde? Also muss ich mich gut einführen, ihn mit vielen Worten überreden, alles mir zu vererben – beschwören, mir im Testament den Vorrang zu geben? Plappern wie die Heiden mit vielen Worten?

    Wer bin ich? Und wer ist Gott für mich?

    Bete und werde dir gewiss:

    Gott ist da – wenn es dir mit dir selbst ungemütlich wird. Gott ist da und verlangt – nichts! Keine Leistung, keine gute Tat. Nicht viele Worte. Seine Gegenwart ist reine Gnade.

    Sei einfach als der Mensch da, der du bist.

    Er sieht dich wie ein Vater an. Denn: Du hast Audienz beim Ewigen.

    Und reden musst du auch nicht viel – er kennt dich. Vor ihm stehst du – vor dem Ewigen – er kennt dich von Anfang an, er hat dich gemacht, ihm brauchst du nichts vormachen.

    Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist – in deiner Mitte, zu der du so selten findest – aber da ist er – in dir.

    Bete zu ihm in der Stille – sei vor ihm da, auch mit allem, was noch durch den Kopf schwirrt – das macht nichts. Diese Gedanken kannst du leichten Herzens ziehen lassen.

    Bete zu ihm - dem Vater – dem Vater, dem du vertrauen kannst. Er ist Gott, nicht in der Zeit wie wir, sondern er sieht die ganze Zeit deines Lebens vor dir. Was war, was jetzt ist, und auch was noch kommt. Er umschließt dein ganzes Leben und was du dafür brauchst mit seiner Liebe.

    Wenn du ihn bittest, weiß er schon, was du brauchst – was nicht heißt, dass du es nicht aussprechen solltest. Nein, sogar, sehr genau will er es wissen – damit du es vielleicht selbst besser weißt, was dir jetzt wirklich fehlt.

    Mit ihm findest du das Wesentliche – wie es Jesus in den Vaterunser-Bitten ausdrückt.

    Ihm kannst du vertrauen – nicht, weil er dir immer alles gegeben hätte, was du wünschtest, was du erhandeln wolltest oder erplappern. Nicht weil er sofort liefern würde wie Amazon.

    Sondern, weil er der Ewige ist, dem du deine ganze Lebenszeit und was dazu gehört anvertrauen kann, weil er da ist – sei du auch da – gegenwärtig – sein kannst bei ihm, in deinem Kämmerlein – in deinem Herzen, in deiner Gebetsecke – dort, wo du die Türe zumachen kannst und allein sein – mit dir und mit ihm.

    Viel ist möglich hinter der geschlossenen Tür – viel in der Vorratskammer, du kannst genährt werden, beschenkt.

    Viel kann geschehen – du kannst auf einmal reich und erfüllt von Gott werden, ohne was getan zu haben als auf ihn zu warten, als bei ihm zu sein, als offen für ihn zu sein.

    Du kannst spüren: Mit ihm kann ich reden wie mit einem guten Freund. Ihm kann ich die Tür meines Herzens aufmachen und alles sagen – und er ist ganz Ohr, er ist ganz bei mir.

    Aber gewiss ist auch:

    Dann musst du wieder aufstehen. Du musst zur Tür gehen und sie auch wieder öffnen – dort in deiner Kammer kannst du nicht bleiben. Du musst hinaus ins Licht, in den Sonnenschein, in den Alltag, in deine Aufgaben, die vor deiner Tür gewartet haben.

    Beten und arbeiten, sagten die Mönche.

    Geh hinaus in diese Welt, deine kleine Welt, mit den Menschen, die du kennst. Mit denen du dich freust, mit denen du trauerst, mit denen du dich ärgerst. Und versuche sie ein wenig mehr lieb zu haben, ihnen ein wenig mehr gut zu sein.

    Geh hinaus in diese große Welt, die du mit über 7 Milliarden Menschen teilst, in diese Welt mit Leistungsdruck und Klimawandel, mit ihrem Reichtum und ihrer Armut.

    Mach die Tür wieder auf zur großen Kammer dieser Welt, weil du nun vielleicht mehr in dir und in Gott ruhst, weil genährt bist für deinen Alltag, Kraft hast, für das, was dir Gott vor die Füße legt. Geh und lebe etwas mehr aus seiner Kraft, aus seinem Geist, aus seiner Liebe.

    Er wird dir auch in der Welt draußen begegnen. Du kannst auch dort mit ihm reden. Immer.

    Aber vergiss das Beten nicht, vergiss die Mitte nicht, die Vorratskammer deines Lebens, vergiss Gott nicht, der im Verborgenen ist – mach die Tür immer neu hinter dir zu, um sie dann wieder aufzumachen und in den Tag zu gehen, den dir Gott schenkt.           

     

    Amen.

  • add „Vater unser im Himmel…“ Predigt über Mt 6,5-9a von Dekanin Anne-Kathrin Kruse

    Gott, schenke uns ein Herz für dein Wort
    und ein Wort für unser Herz. Amen.


    I. „Vater unser im Himmel…“
    Ich weiß nicht,
    wie oft ich diese Worte in meinem Leben gesprochen habe.
    Manchmal unbewusst daher gesagt,
    nicht jedem einzelnen Wort nachdenkend.
    Dann aber auch flehend in die Nacht geflüstert,
    manchmal mit zitternden Lippen,
    nach Halt suchend, wenn alles ringsherum haltlos geworden ist.
    „Vater unser im Himmel…“
    Dann aber wiederum getrost, fröhlich,
    voller Zuversicht und mit großer Dankbarkeit erfüllt,
    dafür, dass ich so reich beschenkt werde.

    „Vater unser im Himmel…“
    Wissen Sie noch,
    wann Sie diese Worte zum ersten Mal gesprochen haben?
    Abends beim Zu-Bett-Gehen mit der Großmutter?
    Mit den Geschwistern irgendwie mitgeplappert?
    In der Kinderkirche oder im Gottesdienst bei den Großen?
    Irgendwann hat es vielleicht das „Ich bin klein, mein Herz ist rein…“
    oder „Müde bin ich, geh zur Ruh…“ abgelöst.
    Der Glaube durfte erwachsen werden.

    Das Vaterunser – das christliche Gebet schlechthin.
    Es verbindet Christinnen und Christen aller Kirchen miteinander.
    In jedem Sonntagsgottesdienst wird es gebetet,
    bei jeder Taufe, bei jeder Trauung, jeder Bestattung.
    Und es ist nicht auf den Gottesdienst beschränkt:
    Luther empfiehlt es jeden und Abend und jeden Morgen zu beten.
    In Notsituationen,
    an den Kranken- und den Sterbebetten wird es gebetet.
    Konfirmandinnen und Konfirmanden lernen es auswendig.
    Ich erinnere mich dunkel, dass wir damals auch Luthers Erklärung
    im „Kleinen Katechismus“ gelernt haben:

    Vater unser, der du bist  im Himmel.
    Was ist das?
    Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen,
    er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder,
    auf dass wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen,
    wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.


    Zum „rechten Vater“ und zu den „rechten Kindern“
    kommen wir später noch.

    II. Aber woher hatte Jesus das Vaterunser,
    als ihn die Jünger danach fragten?

    Hat er es spontan aus dem Stegreif formuliert?
    Oder hat er es irgendwann als Kind schon aufgeschnappt?
    Zuhause bei seinen Eltern in Nazareth,
    im Gottesdienst in der Synagoge
    oder im Tempel in Jerusalem…
    Schließlich wurde er in eine jüdische Familie hineingeboren
    mit einem Stammbaum quer durch die Hebräische Bibel,
    unserem Altes Testament.
    Gut biblisch wurde er mit dem hebräischen Namen „Jehoshua“ genannt,
    griechisch Jesous, d.h. etwa „Gotthilf“.
    Wie jeder jüdische Junge wurde er beschnitten
    als Zeichen für den Bund Gottes mit seinem Volk,
    mit 13 wurde er als Bar-Mitzwa
    selbstverantwortlich vor Gottes Geboten
    wie bei uns die Konfirmanden und Konfirmandinnen.
    „Abba“ – so nannte Jesus Gott, seinen Vater, im Gebet.
    So wie das schon immer Jüdinnen und Juden seit jeher getan haben.
    Diese Anrede war niemals nur Jesus vorbehalten, auch wenn christliche Theologen das bis heute steif und fest behaupten.
    Ein einziger Gottesdienstbesuch in einer Synagoge
    könnte sie vom Gegenteil überzeugen.
    „Abba“ ist auch keine Kindersprache, sondern Aramäisch,
    das Jesus gesprochen hat und das bis heute von den Aramäischen Christen in der Türkei und in Syrien gesprochen wird.
    Als religiöser Jude sein ganzes Leben lang,
    von Geburt an bis zum Tod am Kreuz
    betete er täglich das Achtzehnbitten-Gebet:
    Avinu malkenu – Unser Vater, unser König, so beginnt es.
    Wie eine Kurzfassung aus dem Gebetbuch der Synagoge
    wirkt das Vaterunser, dieses einzige Gebet,
    das Jesus seinen Schülern hinterließ – und uns.

    Was spielt das für eine Rolle?
    Jesu Gebet trennt uns nicht von seinem Volk.
    Es verbindet uns.
    Mit ihm richten wir unser Gebet an denselben Gott, den Gott Israels.
    Wir können nur mit Jüdinnen und Juden zu Gott beten.
    Nicht gegen sie. Es sind ihre Worte.
    Das Vaterunser – ein durch und durch jüdisches Gebet!
    Ob das die Horden auf den Straßen wissen,
    die das angeblich christliche Abendland ausrufen
    und Jagd machen auf Menschen mit Kippa?

    III. Als mein Vater von südlichen Niedersachsen
    in eine Gegend versetzt wurde,
    in der man vor allem Plattdütsch sprach,
    war das für uns vier Geschwister nichts Besonderes.
    Dass diesmal aber die ganze Familie mitziehen sollte,
    fanden wir nicht so prickelnd.
    Zugleich aber brachte dieser Umzug die Lösung für ein Problem:
    Wir Kinder wurden langsam erwachsen
    und wollten unseren Vater nicht mehr „Papi“ nennen.
    Das kam uns kindisch vor.
    Seitdem heißt er für uns plattdeutsch „Vaddern“.
    „Vaddern“ – das heißt nichts anderes als „unser Vater“.

    Aber was meine ich, wenn ich Gott Vater nenne?

    Was stelle ich mir vor?
    Gott ist anders als wir Menschen, Geheimnis, unzugängliches Licht.
    „Vater unser in den Himmeln“ – fern, oft fremd.
    Und doch ragen diese Himmel in unsere irdischen Räume,
    in unser Leben,
    so wie sein Gewandsaum den ganzen Tempel in Jerusalem füllte…
    Und doch ist dieser geheimnisvolle Gott so nah,
    dass er auch das stumme, unausgesprochene Gebet hört.

    Gott, der Ferne und Nahe.
    Wenn Gott wäre wie ich, hätte ich nichts zu erwarten,
    nichts zu lernen - keine Hoffnung.
    Wenn ich Gott Vater nenne, meine ich jemanden,
    der größer ist als ich, mir überlegen.
    Der mich schützt und birgt,
    den meine Verfehlungen nicht irritieren.
    Der auch in die Knie geht, wo er mich am Boden liegend findet.
    Ein leidenschaftlicher Gott, der mich liebt –
    und wieder geliebt werden will.
    So wie auch eine Mutter.
    Gott lässt sich eben nicht festlegen auf ein einziges Bild.
    „Denn Gott bin ich, nicht ein Mann.“ Heißt es bei Hosea.
    Ein überlegener Gott,
    aber seine Überlegenheit macht mich nicht klein.
    Das Vaterunser – ein Gebet für Erwachsene,
    die aus eigenem Willen entscheiden.
    Und genau das traut Gott uns zu.
    Er will unsere Stärke.
    Er will uns als Partner.
    Die wissen, was gut und böse ist –
    und sich für das Gute zu entscheiden.
    Beten bedeutet die Würde, Verantwortung zu übernehmen,
    gerade zu stehen für das, was wir tun.
    Und für das, was wir verfehlen.

    Vaddern – unser Vater.
    Das Vaterunser ist ein Wir-Gebet.
    Alles, um das wir ihn bitten,
    kann einer, kann eine nur gemeinsam mit anderen haben,
    bei vier Kindern besonders wichtig…
    Einzelkinder, die zu ihm beten,
    bekommen Lebens-Gefährten zugeteilt,
    Menschen, die ihnen zur Aufgabe werden.
    Gottes Name heiligen, geht nur da, wo einer ihn im Anderen achtet.
    Das täglich‘ Brot gibt es nur für alle,
    geteilt, soviel jeder braucht.
    Vergebung von Schuld kann nur die erleben,
    die wiederum ihren Schuldnern die Schuld erlassen kann.
    So trotzt das Vaterunser allen Tendenzen zur Individualisierung:
    Es wirft Sie und mich nicht auf uns selbst zurück,
    es führt uns mit anderen zusammen.

    IV. Und wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen?
    Wenn uns das Leben die Sprache verschlägt, die Zunge lähmt.
     „Ich würde ja gern beten“, sagte mir einmal eine Frau
    im Krankenbett. „Aber das habe ich so lange nicht mehr getan.
    Da kann ich doch jetzt nicht damit anfangen.“

    Doch!
    Gott hört es.  
    Und er schickt niemanden weg.
    Er ist nicht wie ein beleidigter Freund, der sagt:
    So lange hast Du dich nicht gemeldet –
    dann brauchst Du jetzt auch nicht kommen, wenn du Hilfe brauchst.

    Gerade den Schwachen hilft er auf.
    Denen, die keinen Rat wissen.
    Die meinen, sie seien von Gott und der Welt verlassen.  

    Wenn einem die Worte fehlen.
    Und man nicht weiß, was man sagen soll und wie.  
    Dann beten, wie Jesus uns das gelehrt hat.
    Vater unser im Himmel…
    Fertige Worte, in denen alles drinsteckt.
    Worte, die schon andere getröstet haben,
    wenn es eigentlich keinen Trost gibt.
    Auch wenn nur die Lippen beten,
    aber nicht der Kopf -
    und schon gar nicht das Herz.
    So bleibt man im Gespräch.
    So reißt die Beziehung nicht ab.
    Alles Andere macht unser Vater im Himmel…

    Nicht mehr glauben
    an unsere Unmöglichkeit,
    sondern nur noch glauben
    an seine Möglichkeit!
    Nicht mehr sagen:
    Ich kann doch nicht
    beten, glauben, lieben,
    sondern: Mit dir und durch dich
    kann ich es.
    Und darum aufstehen
    und schlafen gehen,
    leben und sterben
    mit der Bitte:
    Tu, was du versprochen hast!
    Komm und hilf meiner Schwachheit auf.
    Auf dein Versprechen
    will ich heute neu anfangen
    zu beten, zu glauben, zu lieben
    und zu hoffen.

    Amen.


    Anne-Kathrin Kruse
    Dekanin Schwäbisch Hall
    Mauerstr. 5
    74523 Schwäbisch Hall

  • add „Geheiligt werde dein Name“ Predigt von Pfarrer Tobias Feldmeyer

    Liebe Gemeinde,

    Geheiligt werde dein Name…

    in der zweiten Bitte des Vaterunser geht es um den Namen. Ich möchte mit Ihnen heute ein kleines Experiment machen:

     

    Sagen sie ihrem Nachbarn ihren Vornamen und auch die Geschichte dazu: Warum heißen sie so wie sie heißen. Erinnert ihr Name an einen Opa oder eine Tante, an einen Schriftsteller oder Fußballer oder haben ihre Eltern den Namen wegen seiner Bedeutung ausgesucht.

     

    Kurzer Austausch

    2 oder 3 Personen sagen etwas zu ihrem Namen

     

    Jeder Name hat eine Bedeutung. Mein Name Tobias bedeutet zum Beispiel Gut ist der HERR. Meinen Eltern hat der Name einfach gefallen- vom Klang und von der Bedeutung her.

    Ich finde es schön, Tobias zu heißen. Ich freue mich auch an seiner Bedeutung und glaube, dass Gott es gut mit mir meint.

    Wenn ein Mensch nach seinem Opa oder nach seiner Patentante benannt ist, bedeutet es oft, dass ein Mensch nicht nur den Namen trägt, sondern sich auch mit der Person beschäftigen muss.

    Will ich werden wie Onkel Willi oder Tante Maria? Sind sie ein Vorbild für mich oder muss ich mich von ihnen abgrenzen?

    Mache ich dem Namen Ehre oder muss ich mich mit dem gedanklichen Erbe auseinandersetzen, das mit diesem Namen verbunden ist.

     

    Ein Name ist immer mehr als ein Wort, das ich ein Leben lang mit mir herumtrage.

     

    1.    Der Name Gottes

     

    Auch Gott hat einen Namen. Mit seinem Namen lässt er sich unterscheiden von anderen Göttern. Und ich kann ihn mit seinem Namen ansprechen.

    Wir haben in der Schriftlesung gehört, wie der Gott Israels seinen Namen Mose offenbart- gezeigt hat.

    Mose wird angezogen von einem seltsamen Phänomen- da brennt ein Busch- ohne zu verbrennen.

    Als er sich nähert, spricht Gott zu ihm aus den Flammen.

    Gott beauftragt Mose, das Volk der Hebräer aus der Knechtschaft in Ägypten zu retten.

    Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört, ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand.

     

    Gott zeigt sich hier als der Gott, der nicht im Himmel sitzt wie ein Ölgötze, sondern als der, der hört und sieht und rettet.

     

    Als dieser Gott Mose den Auftrag gibt, sich an die Spitze des Volkes zu stellen, fragt Mose: Wie ist dein Name?

    Und Gott gibt seinen Namen preis.

    JHWH

    „Ich werde sein, der ich sein werde“ heißt es in der Lutherübersetzung.

    Und: Ich werde sein.

    Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat es so übersetzt: Ich bin da!

     

    Ich bin da- so heißt unser Gott. Ich bin da- ich höre Dich, ich sehe Dich- ich rette Dich.

    Ich bin da- ich bin Dein Gott!

     

    Der Name Gottes zeigt viel von dem, wie Gott ist: Unser Gott ist einer, der für seine Menschen da ist.

    Jesus hat im Vaterunser ein sehr schönes Bild dafür gefunden: Der Gott Israels- JHWH ist wie ein Vater, der für seine Kinder sorgt.

     

     

    2.    Den Namen Gottes heiligen

     

    Geheiligt werde dein Name-

    Was bedeutet heilig?

    Wir verwenden das Wort heilig nur noch selten.

    Vielleicht in dem Satz: denen ist nichts heilig!

    Dann bedeutet es, dass ein Mensch vor nichts Respekt oder Achtung hat.

    Oder manchmal sagen junge Leute:

    Meine Familie ist mir heilig! Das bedeutet dann: Meine Familie ist über alles erhaben, wichtiger als alles andere.

    Heilig bedeutet: anders als die Welt, das spielt in einer ganz anderen Liga.

    Heilig ist, etwas was vom Weltlichen ausgesondert ist und eine ursprüngliche Form von Kraft oder Wirksamkeit mit sich führt. (RGG, Art. Heilig, S. 1530)

     

    Gottes Name ist heilig! Deshalb wird er in den 10 Geboten durch ein eigenes Gebot geschützt. Du sollst den Namen JHWHs, deines Gottes nicht missbrauchen.

    Im Judentum wird das ganz radikal durchgesetzt, indem der Name Gottes gar nicht ausgesprochen wird, sondern mit Adonaj- Herr oder mit der Name- Ha Schem umschrieben wird. Luther hat das genauso gemacht: in seiner Übersetzung wird der Name Gottes mit HERR umschrieben.

    Gottes Name ermöglicht uns den Kontakt zu dem Gott, der nicht von dieser Welt ist, sondern der Schöpfer der ganzen Welt. Wenn wir mit Gott sprechen, hat das die Kraft unsere Welt zu verändern.

    Gott steht als Schöpfer über unserer Welt, ist größer als wir und alles, was wir kennen. Aber er gibt uns seinen Heiligen Namen, dass wir mit ihm reden können.

    Martin Luther schreibt im Kleinen Katechismus:

    Gottes Namen ist zwar an ihm selbst heilig, aber wir bitten in diesem Gebet, dass er bei uns auch heilig werde.

    Klar- wir können Gottes Namen nicht noch heiliger machen als er schon ist.

    Wir bitten mit dem Vaterunser, dass Gottes Name auch bei uns heilig werden soll.

    Wenn ich bete: Geheiligt werde Dein Name, dann bitte ich Gott um Kraft und Mut, dass in meinem Leben seine Nähe und Zuwendung außergewöhnlich wichtig sind.

    Gottes Namen soll nicht nur im Himmel, nicht nur in der Kirche, sondern in meinem ganz normalen Leben, in meinem Alltag, in meinem Beruf und in meiner Familie heilig sein und seine Wirkung zeigen.

     

    3.    Wie heilige ich Gottes Namen?

     

    Und wie geht das? Wie heilige ich Gottes Namen in meinem Leben?

    Ich glaube, dass das Wichtigste ist, dass ich mit Gott im Kontakt bleibe. Gott hat seinen Namen bekannt gemacht und geoffenbart, dass wir Menschen mit ihm reden können.

    Ich heilige Gottes Namen in meinem Leben, wenn ich mit Gott rede. Wenn ich Gott das sage, was mich freut und ihm danke, auch wenn ich ihm mein Leid klage oder ihn um Hilfe bitte.

    Für mich ist es in den letzten Jahren wichtig geworden, Gott zu loben mit neuen und alten Liedern.

    Wenn ich Gott lobe, mache ich ihn natürlich nicht heiliger als er schon ist. Aber in mir verändert das Lob Gottes etwas. Ich merke wieder neu, dass der heilige Gott größer ist als das, was mich beschäftigt. Meine Sorgen erscheinen in einem neuen Licht, wenn ich weiß, dass der der Wolken Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege für mich finden.

    Indem ich Gottes Namen heilige und groß mache, erfahre ich selbst Trost.

    Wer bin ich, dass der Herr der ganzen Welt meinen Namen kennt – wenn ich dieses neue Lied singe, wird mir neu deutlich, wer ich in Gottes Augen schon lange bin.

    Wenn ich Gott lobe mit Liedern, dann wird mir sein Name neu heilig- das verändert mich und ich glaube auch, dass Gott sich darüber freut!

     

    Aber nicht nur mit Gebeten und Liedern heilige ich Gottes Namen- auch indem ich versuche, nach seinem Wort zu leben.

    Paulus kann sogar schreiben:

    Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?

    Der ist in Euch,

    Gott hat ihn Euch geschenkt!

    Nun gehört ihr nicht mehr Euch selbst!

    Gott hat Euch freigekauft.

    Sorgt also dafür, dass Euer Leib Gott Ehre erweist.

    1.    Kor. 6, 19-20

     

    Gottes Heiliger Geist wohnt in uns- wir gehören schon zu ihm.

    Wir gehören zu ihm durch unsere Taufe.

    Wir tragen auch seinen Namen- wir sind Christen, Kinder Gottes, seine Heiligen.

    Und deshalb soll seine Heiligkeit in unserem Leben spürbar werden. Dass wir heilig sind, wird nicht darin deutlich, dass wir in anderen heiligen Sphären schweben, sondern darin, wie wir in dieser Welt mit unserem eigenen Leben und dem Leben unserer Mitmenschen umgehen.

    Ich glaube, dass das am deutlichsten wird, wenn wir Gottes Liebe weitergeben.

     

    Eine kleine Geschichte macht das deutlich:

    Von einem frommen Wunderrabbi ging die Sage, dass er jeden Morgen vor dem Frühgebet in den Himmel emporsteige.

    Ein Gegner des Rabbi lachte darüber und legte sich auf die Lauer, m selbst festzustellen, was der Rabbi im Morgengrauen trieb.

    Da sah er: der Rabbi verließ als ukrainischer Holzknecht verkleidet sein Haus und ging in den Wald.

    Der Gegner folgte von Weitem.

    Er sah den Rabbi ein Bäumchen umhauen und in Stücke hacken.

    Dann lud sich der Rabbi das Holz auf den Rücken und schleppte es zu einer armen kranken einsamen Jüdin.

    Der Gegner blicke durch das Fensterchen:

    Drin kniete der Rabbi am Boden und heizte ein…

    Als ihn die Leute fragten: Nun steigt er wirklich in den Himmel? Sagte er still: Sogar noch höher

    Gottes Namen heiligen heißt nicht in den Himmel steigen, es heißt hier auf der Erde seine Liebe weitergeben. Das kann ganz verschieden aussehen:

     

    Wenn ich geduldig mit dem umgehe, der mich nervt.

    Wenn ich nachsichtig bin mit den Fehlern Anderer, weil mir noch viel mehr vergeben wurde.

    Wenn ich jemanden trotzdem freundlich anschaue, der mich beleidigt hat.

    Wenn ich jemandem ein Ohr schenke, auch wenn er mir schon oft das selbe erzählt hat.

    Wenn ich jemandem die Hand reiche, damit er weiterkommt.

    Gottes Name wird geheiligt, wenn wir immer mehr die Menschen werden, die Gott sich wünscht.

     

    Geheiligt werde sein Name- durch unser Lob und unser Leben.

     

    Amen.

     

     

    (Tobias Feldmeyer)

     

     

     

     

  • add „Dein Reich komme“ Predigt über Mt 6,10 von Kirchenrat Wolfgang Kruse

    Die Gnade unsres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen

     

    Liebe Gemeinde!

    Wie Sie vielleicht wissen, waren meine Frau und ich für drei Monate zu einem Studienaufenthalt in Jerusalem – keine Angst, das machen wir nicht jedes Jahr, das darf man nur einmal im Berufsleben. Aber es war eine intensive und inspirierende Zeit.

    Natürlich bleibt es da nicht aus, dass man auch die biblischen Stätten besucht. Und so wollte ich mich auf den Weg zum Ölberg machen, und da es ziemlich warm war, wollte ich nicht zu Fuß gehen, sondern erkundigte mich im Tourismus-Büro, wie man am besten dorthin kommt. Man drückte mir ein Faltblatt in die Hand und da las ich: „Ölberg, der Ort, wo Jesus in den Himmel auffuhr (Bus Nr. 28).“

    So machte ich mich auf den Weg, fuhr mit dem Bus Nr. 28 auf den Ölberg, stieg dann aber rechtzeitig aus…

    Mein Ziel war die zu den französischen Karmeliterinnen gehörende Vaterunserkirche. Dort ist das Gebet Jesu in über 150 Sprachen in wunderschönen Kacheln abgebildet. Wenn man dort im Garten und in der Kirche entlanggeht, sieht man Sprachen, von denen man nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

    Es ist sehr bewegend, dort zu stehen, umgeben von diesen Vaterunsern. Ich fühlte mich eingebettet in eine weltweite Ökumene, eigentlich wie die Menschen damals an Pfingsten in Jerusalem mit den vielen Sprachen, und doch verstanden sie sich untereinander.

    Vielleicht ist genau das Vaterunser das Gebet, der Text, der uns am engsten mit unseren Geschwistern in der Ökumene verbindet. Und immer, wenn wir es beten, können wir uns geborgen fühlen im Schoss dieser Gemeinschaft.

    Und ein zweites ist für mich bedeutend: es ist das Gebet, auf das ich mich verlassen kann, wenn mir sonst der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Beim Tod eines lieben Menschen ist man in seinem Schock und in der Trauer völlig leer, der Kopf ist leer, nur noch das Vaterunser gibt einem da Halt. Ähnlich wie mancher Psalm gehört es zur Notration unseres Glaubens.

    Ich finde da eine Geschichte tröstlich, die Martin Buber in seinen chassidischen Geschichten aus dem osteuropäischen Judentum des 18. Jahrhunderts erzählt:

    „Wenn der Rabbi Baal-Schem-Tov sah, dass dem jüdischen Volk Unheil drohte, zog er sich für gewöhnlich an einen bestimmten Ort im Walde zurück; dort zündete er ein Feuer an, sprach ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah: Das Unheil war gebannt.

    Später, als sein Schüler, der berühmte Maggid von Mesritsch, aus den gleichen Gründen im Himmel vorstellig werden sollte, begab er sich an denselben Ort im Wald und sagte: Herr der Welt, leih mir dein Ohr. Ich weiß zwar nicht, wie man ein Feuer entzündet, doch ich bin noch imstande, das Gebet zu sprechen. Und das Wunder geschah.

    Später ging auch Rabbi Mosche Leib von Sasow, um sein Volk zu retten, in den Wald und sagte: Ich weiß nicht, wie man ein Feuer entzündet, ich kenn auch das Gebet nicht, ich finde aber wenigstens den Ort, und das sollte genügen. Und es genügte: Wiederum geschah das Wunder.

    Später kam der Rabbi Israel von Rizzin, um die Bedrohung seines Volkes zu vereiteln. Er saß im Sessel, legte seinen Kopf in beide Hände und sagte zu Gott: Ich bin unfähig, das Feuer zu entzünden, ich kenne nicht das Gebet, ich vermag nicht einmal den Ort im Walde wiederzufinden. Alles, was ich tun kann, ist, diese Geschichte zu erzählen. Das sollte genügen. Und es genügte.“

    Die Erinnerung genügt. Und wir kennen immerhin noch das Gebet, die Notration unseres Glaubens – und es genügt!

    Wenn ihr betet, sollt ihr nicht so viel plappern, sagt Jesus in seiner Einleitung zum Vaterunser. Es kommt also nicht darauf an, wie wir beten, sondern Gott lädt uns ein, dass wir überhaupt zu ihm beten.

    Das zeigt auch der Text aus Exodus 32, den wir in der Schriftlesung gehört haben: da ging es um die Fürbitte des Mose, als Gott angedroht hatte, das Volk zu vernichten, nachdem es das Goldene Stierbild angebetet hatte. Wenn wir den Text genau lassen, dann fällt auf, dass Gott zu Mose sagt: „Lass mich!“ Dabei hatte Mose noch gar nichts gesagt oder getan. Gerade der Imperativ „Lass mich!“ bringt allererst ins Spiel, dass es an Mose sein könne, Gott nicht zu „lassen“. Gott will, dass wir ihn nicht lassen. Es ist nun an Mose, Gott mit seiner Fürbitte zu nerven. Ja, Gott will genervt werden, und er ändert dann auch bereitwillig seinen Entschluss, das Volk zu vernichten.

    Ist das nicht aufregend, wie sehr Gott auf unser Gebet wartet und wie sehr es sein Handeln beeinflusst?

    Aber gleichzeitig machen wir natürlich auch oft die schmerzliche Erfahrung, dass unser Gebet nichts bewirkt, nichts ändert.

    Trotzdem heißt es bei Paulus: betet ohne Unterlass! Es geht darum, durch das Gebet im Bereich Gottes zu sein. Gott sucht den Menschen, er will ihn als Gegenüber. Deshalb hat er ihn geschaffen.

    Es heißt ja, als der Tempel in Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. zerstört wurde, haben die Gebete die Opfer im Gottesdienst ersetzt. Sicher gab es aber auch schon parallel zum Tempelgottesdienst mit seinen Opfern synagogale Gottesdienste mit Gebeten. So heißt es in Psalm 141: „Mein Gebet möge vor dir gelten als ein Räucheropfer, das Aufheben meiner Hände als ein Abendopfer.“

    Aber in beidem, im Opfer und im Gebet, begeben wir uns in den Bereich Gottes.

    „Gott sucht den Menschen“, dieser Satz stammt von Abraham Jehoshua Heschel, einem Mitstreiter von Martin Luther King. Und er sagt: „In Augenblicken des Gebetes, versuchen wir unsere Eitelkeiten aufzugeben, unsere Anmaßung zu verbrennen, auf Vorurteil, Heuchelei und Neid zu verzichten. Wir legen all unsere Kräfte vor Ihm nieder. Das Wort ist wie ein Altar. Wir bringen keine Opfer. Wir sind das Opfer.“ Soweit Heschel.

    Diese Gebete aus der Synagoge sind auch für Jesus, der ja den Gottesdienst in der Synagoge regelmäßig besucht hat und dort auch gepredigt hat, diese Gebete sind für ihn die Vorlage für das Vaterunser. Wir finden alle Bitten und alle Motive auch im sogenannten Achtzehnbittengebet und im Kaddisch, dem Gebet, das man u.a. beim Tod eines Menschen spricht. Deshalb kann man sagen, anders als der Theologe Adolf von Harnack, der Anfang des 20. Jh. behauptet hat, das Vaterunser sei das christlichste Gebet, das Vaterunser ist ein zutiefst jüdisches Gebet. Ja, es gibt Juden, die beim Besuch eines christlichen Gottesdienstes das Vaterunser mitbeten. Angefangen mit der Anrede „Unser Vater“, mit der fast jedes jüdische Gebet beginnt, über die Bitten der Heiligung des Namens, der Erfüllung des Willens Gottes und des Kommens des Reiches Gottes bis zu Vergebung der Sünden.

     

    „Gott sucht den Menschen“, er kommt uns entgegen. So ist auch die Bitte formuliert, die heute im Mittelpunkt stehen soll: „Dein Reich komme!“

    Wir Deutschen sind ja sehr vorsichtig mit dem Begriff „Reich“. Zu sehr ist es historisch belastet. Aber auch in heutiger Zeit versuchen sogenannte „Reichsbürger“, den alten Geist der Nazizeit wieder zu beleben.

    Deshalb bin ich ganz froh, dass die eigentliche Bedeutung des griechischen Wortes basileia nicht „Reich“ ist, sondern eigentlich „Königsherrschaft“. Also heißt es eigentlich „Deine Königsherrschaft komme.“

    Mit der Bitte „Dein Reich komme“ werden drei Dinge ausgedrückt:

    1.     Es ist deutlich, zumal in der jesuanischen Zeit, als die Römer die Besatzungsmacht waren, dass Gott der Herr der Welt ist und die weltlichen Reiche zerfallen, zumal wenn sie nicht auf Recht und Gerechtigkeit gegründet sind. Die Barmer theologische Erklärung von 1934 sagt mitten im Kampf der Bekennenden Kirche gegen die Deutschen Christen, die Hitler zujubelten: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.“

    Der Staat hat sich also auch an Gottes Gebot und Gerechtigkeit zu halten, wenn er ein gerechter Staat sein will. Wir kennen da heute leider viele negative Beispiele.

    2.     Das Reich Gottes, die Königsherrschaft Gottes ist noch nicht da. Wir leben im Vorletzten, haben aber das Kommen der Gottesherrschaft im Blick und freuen uns darauf. Wenn Jesus im Neuen Testament gefragt wird, wie das Reich Gottes denn aussieht bzw. wann es kommt, dann antwortet er immer in Gleichnissen. Denn letztlich ist die Königsherrschaft Gottes nicht zu beschreiben:

    Das Reich Gottes ist im Wachsen wie das Senfkorn; alle sind eingeladen, auch der verlorene Sohn; alle bekommen genug zum Leben, egal ob sie früh oder spät im Weinberg Gottes zu arbeiten begonnen haben; aber wir wissen nicht, wann der Zeitpunkt gekommen ist, deshalb sollen wir wachsam und klug sein, wie die Jungfrauen.

    Die Erwartung der Königsherrschaft Gottes ist in der Bibel auch sehr mit dem Kommen des Messias verbunden. Johannes lässt Jesus fragen, woran man das Kommen des Messias erkennt. Die Antwort Jesu lautet mit Bezug auf den Propheten Jesaja: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.

    Davon sind wir bis heute immer noch weit entfernt. Und für viele heißt das, nichts mehr zu erwarten. Keine Hoffnung auf die Königsherrschaft Gottes mehr zu haben.

    Aber unser Glaube hält diese Hoffnung wach, nicht nur mit der Bitte im Vaterunser. Auch mit der Aufforderung, bereit für das Kommen zu sein und in unserem Umkreis und nach unserem Vermögen für Gerechtigkeit zu sorgen. Und dieser Glaube und diese Messiaserwartung verbindet uns mit unseren jüdischen Geschwistern.

    So erzählt es eine Jüdische Messiasgeschichte: Rabbi Jehoschua ben Levi traf den Propheten Elija und fragte ihn, wann der Messias komme. (in jüdischen Geschichten kann alles gleichzeitig sein) Der sagte ihm: „Frag ihn doch selbst!“ Rabbi Jehoschua will wissen, wo er ihn finde und woran er ihn erkenne. Elija sagt ihm: Er finde ihn unter den Armen und Aussätzigen vor den Toren Roms und erkenne ihn daran: Alle anderen wechselten ihren Verband auf einmal, der Messias aber nur Stück für Stück, um sofort bereit zu sein, wenn er verlangt werde. Rabbi Jehoschua findet ihn, fragt ihn nach der Begrüßung, wann er komme, und erhält zur Antwort: Heute!

    Zu Elija zurückgekehrt, beschwert sich Rabbi Jehoschua, dass der Messias gelogen habe; er sei ja doch nicht gekommen. Elija deutet ihm das „Heute“, indem er aus Psalm 95 zitiert: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört.“

    Wie wäre das, wenn wir so lebten, als würde der Messias heute kommen – sind wir bereit dazu? Werden wir ihn erkennen?
    Wahrscheinlich ist es so: der Messias ist bereit, aber die Welt ist es noch nicht.

    3.     „Dein Reich komme“. Es gibt – nicht nur in Jerusalem, aber dort vermehrt - bis heute immer wieder Menschen, die meinen, das Kommen des Reiches Gottes beschleunigen zu können. Wir haben für die drei Monate unseres Studienaufenthalts eine Wohnung gemietet in der Nähe der Templer-Siedlung. Die Templer kamen, vor allem aus Württemberg, im 19. Jahrhundert, um dem Messias den Weg zu bereiten und beim Kommen des Messias und beim Anbruch der Gottesherrschaft vor Ort zu sein. Sie haben viel Gutes für das Land getan, es landwirtschaftlich und handwerklich vorwärts gebracht. Aber als dann Hitler 1933 an die Macht kam, gehörten sie zu denen, die in ihm den Führer von Gottes Gnaden, den Messias sahen.

    Andere wiederum sind nach Jerusalem gereist, um die dort lebenden Juden zu missionieren, denn erst wenn alle Juden an Jesus als den Messias glauben, so denken solche Leute, kann der Messias (wieder) kommen. Auch dies ein Irrweg mit z.T. fatalen Folgen für die Juden.

    Wir können das Kommen der Königsherrschaft Gottes nicht herbeizwingen. Alle Versuche, auch die von zig Sekten, enden in der Katastrophe.

    Die Bitte gehört ins Gebet, da wo wir Gott am nächsten sind. Das soll uns nicht hindern an dem, was Bonhoeffer als die wichtigste Aufgabe eines Christen nannte: Beten und Tun des Gerechten.

    Gottes Königsherrschaft wird kommen, auch ohne unser Zutun. Lasst uns gelassen darauf hoffen und täglich im Vaterunser darum bitten.

    Amen

     

     

    (Kirchenrat Wolfgang Kruse)

  • add „Unser tägliches Brot gib uns heute“ Predigt von Pfarrerin i.R. Dorothee Gammel

    Liebe Gemeinde,

    so haben Menschen bei uns in Süddeutschland gebetet, ja gebettelt vor etwa 200 Jahren, im Jahr 1816. Nachdem es seit 1811 nur schlechte Ernten gegeben hatte, folgte 1816 ein Jahr ohne Frühjahr und Sommer, ein Jahr ohne Ernte. Es schneite noch im Juni, weder Getreide noch Kartoffeln konnten geerntet werden, und es gab kaum Saatgut für das folgende Jahr. Man buk Brot aus Kleie. Brennnesseln und Gräser mit etwas Salz ersetzten das Gemüse. Krankheiten breiteten sich aus. Auch in der Schweiz und in Österreich war die Not groß. Man suchte nach Ursachen, und weil man sie nicht fand, kündigten manche Fromme den Weltuntergang an. Folge der Missernte war eine extreme Teuerung. Viele Menschen wanderten aus nach Polen, Russland und in die USA. Heute weiß man, dass ein Vulkanausbruch im heutigen Indonesien die Ursache für das extreme Wetter war.

    Groß war die Freude, als die Ernte 1817 gut ausfiel. In den Kirchen wurden Dankgottesdienste gefeiert. König Wilhelm gründete das landwirtschaftliche Institut in Hohenheim und das landwirtschaftliche Hauptfest, Landwirte bekamen günstige Kredite. Es dauerte lange, bis man sich von den Folgen des Vulkanausbruchs erholt hatte.

     

    Liebe Gemeinde,

    „Unser tägliches Brot gib uns heute“.

    ist das unsere Bitte?

    Ist das unser Anliegen: Wir wollen heute satt werden, und wir wollen heute wissen, dass wir morgen genug zu essen haben werden?

    „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

    Das ist die Bitte der Hungernden heute, sofern sie nicht hoffnungslos geworden sind und aufgehört haben, zu bitten.

    Es war die Bitte vieler Menschen zur Zeit Jesu, auch die Bitte der Jünger, die mit ihm unterwegs waren und Brot hatten, wenn jemand seines mit ihnen geteilt hat.

    „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

    Es war die Bitte Jesu. Ihm war die Bitte um` s Sattwerden wichtig genug, um seinen Jünger und allen, die ihm zu allen Zeiten zuhören,

    zu sagen: Darum sollt ihr bitten: dass Gottes Name geheiligt werde und sein Reich sich ausbreite, weil Menschen nach seinem Willen leben. Um Vergebung sollt ihr bitten und darum, dass euer Glaube nicht zu sehr herausgefordert wird. Und um` s Brot sollt ihr bitten. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber er lebt auch vom Brot.

     

    „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

    Ist das unsere Bitte?

    Wir sprechen sie mit, mindestens immer, wenn wir einen Gottesdienst mitfeiern.

    Auch wir sprechen sie mit, wir Satten, die unter vielen Brotsorten und anderen Lebensmitteln auswählen können.

    Auch wir, die trotz schlechter Ernte nicht dran zweifeln, dass wir morgen satt werden, mehr als nur satt werden.

    Wir sprechen Jesu Bitte mit, wir wollen und sollen sie mitsprechen.

    Aber wir sollen uns auch die Frage gefallen lassen: Ist das wirklich deine Bitte? Und wenn ja: Inwiefern?

    Die Frage ist nicht neu. Schon Martin Luther hat sich gefragt: „Was ist denn für mich das tägliche Brot?“ Und er hat geschrieben: Das tägliche Brot, das ist „alles, was zur Leibesnahrung und -notdurft gehört als Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und treue Oberherren, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

    Und desgleichen. Wir können die Reihe fortsetzen und alles einsetzen, was uns wichtig ist. Das können wir tun, aber wir müssen wissen: So reden Besitzende! So reden Menschen, die nicht am Hungertuch nagen. So reden Menschen, die Jesu Bitte für sich übertragen müssen, weil sie, wörtlich verstanden, nicht ihre Bitte sein muss. So reden Menschen, die mit Grund davon ausgehen, dass sie heute und morgen nur überlegen müssen, wie viele Scheiben Brot sie essen und nicht, ob sie überhaupt etwas essen können.

    So bitten Menschen, die es wissen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt und für die es selbstverständlich ist, dass das Brot, von dem der Mensch eben auch lebt, da ist – oder der Reis oder der Mais, das Brot steht für Grundnahrungsmittel.

    „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

    Ist das unsere Bitte?

    Wenn wir Luthers Aufzählung für uns ergänzen, ganz sicher. Jedem und jeder wird Manches einfallen, wonach wir uns sehnen und worum wir bitten möchten.

    Wenn wir mit „Brot“ wirklich „Brot“ meinen: Inwiefern kann die Bitte um`s Brot unsere sein? So fragen wir Satten.

     

    Auf geniale Weise hat der Schriftsteller Wolfgang Borchert vom Brot erzählt, das mehr ist als Brot, um den Magen zu füllen. Ich habe die Geschichte vor langer Zeit gelesen, sie hat mich so beeindruckt, dass ich sie noch wusste. Ich habe sie rausgesucht und Ihnen mitgebracht (etwas gekürzt).

     

    Das Brot

    Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still, und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was es so besonders still gemacht hatte: Sein Atem fehlte. Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung in die Küche. In der Küche trafen sie sich….

    Sie standen sich im Hemd gegenüber. …

    Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, dass er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel. …Und sie sah vom Teller weg.

    „Ich dachte, hier wäre was“, sagte er und sah in der Küche umher.

    „Ja, ich habe auch etwas gehört“, antwortete sie.

    Sie sah ihn nicht an, weil sie es nicht ertragen konnte, dass er log. Dass er log, nachdem sie neununddreißig Jahre verheiratet waren.

    „Ich dachte, hier wäre was“, sagte er noch einmal und sah wieder so sinnlos von einer Ecke in die andere. „Ich hörte hier was, da dachte ich, hier wäre was.“

    „Ich habe auch was gehört. Aber es war wohl nichts.“ Sie stellte den Teller vom Tisch und schnippte die Krümel von der Decke.

    „Nein, es war wohl nichts“, echote er unsicher.

    Sie kam ihm zu Hilfe „Komm man. Das war wohl draußen. Komm man zu Bett. Du erkältest dich noch. Auf den kalten Fliesen.“

    …Sie hob die Hand zum Lichtschalter. Ich muss das Licht jetzt ausmachen, sonst muss ich nach dem Teller sehen, dachte sie und machte das Licht aus…

    „Wind ist ja“, meinte er. „Wind war schon die ganze Nacht.“

    Als sie im Bett lagen, sagte sie: „Ja. Wind war schon die ganze Nacht. Es war wohl die Dachrinne.“

    „Ja, ich dachte, es wäre in der Küche. Es war wohl die Dachrinne.“

    Er sagte das, als ob er schon halb im Schlaf wäre.

    Aber sie merkte, wie unecht seine Stimme klang, wenn er log….

    Dann war es still. Nach vielen Minuten hörte sie, dass er leise und vorsichtig kaute. Sie atmete absichtlich tief und gleichmäßig, damit er nicht merken sollte, dass sie noch wach war….

    Als er am nächsten Abend nach Hause kam, schob sie ihm vier Scheiben Brot hin. Sonst hatte er immer nur drei essen können.

    „Du kannst ruhig vier essen“, sagte sie und ging von der Lampe weg. „Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Iss du man eine mehr.

    Ich vertrage es nicht so gut.“

    Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte. Er sah nicht auf. In diesem Augenblick tat er ihr leid.

    „Du kannst doch nicht nur zwei Scheiben essen“, sagte er auf seinen Teller.

    „Doch. Abends vertrage ich das Brot nicht gut. Iss man. Iss man.“

    Erst nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch.

     

    Brot in Zeiten des Mangels- davon erzählt diese Geschichte. Wolfgang Borchert hat sie kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs geschrieben.

    „Unser tägliches Brot gib uns heute“.

    Und wenn wir ruhig schlafen wollen, muss noch etwas Brot für morgen da sein.

    Und wenn Einer das Brot für morgen isst in der Nacht, weil er abends zu wenig Brot essen konnte, ist morgen nicht mehr genug da.

    Darum bitten wir, wenn wir sagen: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

    Im griechischen Text steht: „Gib uns unser Brot für morgen.“ Für morgen, damit die Sorge ums Sattwerden nicht den Schlaf raubt. Für morgen, damit der erste Gedanke beim Aufwachen nicht der ist: „Ist etwas zu essen da?“ Brot für morgen, weil der Mensch nicht vom Brot allein lebt und die Sorge ums Brot nicht Kopf und Herz ganz und gar beanspruchen soll.

    Brot in Zeiten des Mangels. Brot für morgen. Darum bittet Jesus. Darum zu bitten, lehrt er seine Jünger und alle, die zu allen Zeiten auf ihn hören.

    „Unser Brot für morgen gib uns heute.“

    Ist das unsere Bitte?

    Ja, wir machen sie zu unserer Bitte, wenn wir sie in jedem Gottesdienst mitsprechen.

    Wir machen sie zu unserer Bitte, wenn wir „uns“ meinen, wenn wir „uns“ sagen! Nicht: „Gib mir das Brot für morgen“ und auch nicht: „Gib jedem irgendwie sein Brot, lass jede irgendwie satt werden.“

    „Unser Brot“- wenn wir so bitten, treten wir in Verbindung mit allen, die um Brot bitten und es nicht selbstverständlich haben. Wenn wir „unser Brot“ sagen, fehlt uns, was dem Menschen neben uns oder weit weg von uns fehlt. Wenn wir „unser Brot“ sagen, werden wir zu Hungernden, zu Menschen, die hungern nach Gerechtigkeit für alle.

    Wenn wir „unser Brot“ sagen, sind wir auch mit übervollem Magen nie ganz satt.

    Eine Bitte in kargen Zeiten, aber nicht nur für karge Zeiten spricht Jesus uns vor.

    Eine Geschichte vom Brot in kargen Zeiten hat Wolfgang Borchert erzählt. Eine Geschichte vom Brot, die nicht nur eine Geschichte vom Brot ist: Der Mann lügt, die Frau lügt. Er aus Scham, denn er will seiner Frau eigentlich nichts wegessen. Sie lügt aus Rücksicht, um ihn nicht zu beschämen. Ihre Lüge macht diese Geschichte zur Liebesgeschichte. Sie gibt von ihrem Teil ab und tut das nicht gönnerhaft sondern wieder mit einer Lüge: „Iss du mehr, ich vertrage das Brot nicht so gut.“

    Nein, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er lebt auch davon, dass der Andere, dass die Andere ihm mit Respekt begegnet. Er lebt auch davon, dass man ihm, dass man ihr den Hunger, auch den Hunger nach Leben, nicht vorwirft sondern um` s Sattwerden besorgt ist. Um` s Sattwerden an Leib und Seele, um` s eigene Sattwerden und um das des Anderen und der Anderen.

     

    „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

    „Gib uns heute das Brot für morgen.“

    Wenn wir die Bitte zu unserer Bitte machen, wird es auch um diese Frage gehen:

    Wie können wir Menschen geben, was sie brauchen, ohne sie klein zu machen und uns groß zu machen?

    Was können wir beitragen, damit der Hunger nach Brot und nach Leben gestillt wird?

    Finden wir es skandalös, dass wir, ob wir wollen oder nicht, vom großen Diebstahl profitieren und verbrauchen, was Anderen fehlt?

    Oder haben wir uns längst daran gewöhnt?

    Können wir die Sehnsucht nach Gerechtigkeit in uns wachhalten? Denn nur so werden wir, deren Mägen so gut gefüllt sind, wirklich satt.

    „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

    „Unser Brot für morgen gib uns heute.“

    Das bleibe unsere Bitte. Legen wir die Betonung auf „uns“ und „unser“. Amen

  • add „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Predigt über Mt 6,13 von Pfarrer Wolfgang Bayer

    Predigt zu Matthäus 6,13 am 2. September 2018

     

    Liebe Gemeinde,

     

    wie schon gesagt, geht es heute um die vorletzte Bitte des Vaterunsers: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

     

    Wer ist schuld? Es ist jetzt ungefähr drei Monate her, da hat die deutsche Fußballnationalmannschaft in Russland bei der WM ein Debakel erlebt: Blamabel ausgeschieden in der Vorrunde, obwohl doch viele in unserem Lande davon ausgingen, dass wir wieder Weltmeister werden würden, oder wenigstens ins Halbfinale kommen würden. Eigentlich ist ja nichts Schlimmes passiert. Niemand ist gestorben, niemand wurde schlimm verletzt. Es wurden wohl deutlich weniger Fanartikel verkauft. Manche, die sich etliche Abende reserviert hatten, um Fussball zu kucken, die deutsche Mannschaft natürlich – hatten plötzlich frei. Sonst ist eigentlich nichts passiert. Und doch wurde die letzten Monate immer wieder die Frage gestellt: Wer ist schuld? Und so manche mögliche Schuldige wurden präsentiert: Der Trainer, der die falschen Leute mitgenommen und aufgestellt hat. Der Manager, der das falsche Trainingsquartier gebucht hat. Der und der Fußballer, der sich nicht genügend reingehängt hat, Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit ihrer Fotoaktion. Um nur ein paar mögliche Schuldige zu nennen. Aber was auffiel: Es gab niemand, der so ernsthaft eingeräumt: das oder das war nicht richtig und das würde ich beim nächsten Mal anders machen.

     

    Und auch diese Pressekonferenz letzte Woche mit Jogi Löw hat da für mich nicht viel dran geändert: „Meine gewählte Taktik war fast arrogant“. Hat er gesagt. Ansonsten gabs viel „wir“. Und beim Thema Schuld bedeutet wir oft: So richtig schuld ist niemand.

     

    Vor zwei Wochen ist eine Autobahnbrücke in Genua eingestürzt. Es gab 43 Tote – vielleicht noch mehr. Viele Verletzte – und natürlich auch einen wirtschaftlichen Schaden, der viele Millionen beträgt. Wer ist schuld? Eine Frage, die hier ein ganz anderes Gewicht hat als bei der deutschen Nationalmannschaft. Weil es um Tote und Verletzte geht und um viel Geld. Auch hier werden so manche Schuldige präsentiert. Der Architekt, der angeblich vor 40 Jahren die Brücke falsch konstruiert hat. Die Behörden, die nicht reagiert haben, obwohl es bekannt waren, dass viel zu viele Autos über die Brücke fahren und es so manchen Rost an den Spannseilen gibt. Die Autobahnbetreiber, denen der Profit wichtiger gewesen sei als die Sicherheit. Die Umweltschützer, die eine Umgehungsstraße blockiert haben. Die EU, die Italien zum Sparen zwingt, sodass der Staat die Brücken nicht richtig sanieren konnte. So viele Schuldige. Aber es gibt niemand, der sagen würde: Ja. Das und das hätten wir vermutlich doch anders machen sollen. Niemand bekennt sich zu seiner Schuld. Hier ist es auch verständlich, wenn so viel Geld auf dem Spiel steht. Wenn vielleicht sogar jemand hinter Gitter muss, wie es der italienische Innenminister gefordert hat.

     

    Wer ist schuld? Im Vaterunser heißt es: Vergib uns unsere Schuld. Wir beten das jeden Sonntag. Und wenn ich jetzt mal davon ausgehe, dass wir das ernst meinen. Dass wir nicht in Klammer sagen: Also für den eigentlich undenkbaren Fall, dass ich wirklich mal was machen sollte, was nicht in Ordnung ist, dann bitte ich dich, Gott um Vergebung. Wenn wir es so nicht meinen, sondern so wie wir es sagen, dann räumen wir ein: Ja Gott, wir sind schuldig und wir werden schuldig.

    Wir haben uns das Vaterunser ja nicht ausgedacht. Wir beten es, weil Jesus damals seine Jünger gelehrt hat so zu beten und Christen auf der ganzen Welt über viele Jahrhunderte dieses Gebet zu ihrem Gebet gemacht haben.

     

    Jesus hielt es für sehr wichtig, dass seine Jüngerinnen und Jünger so beten: Vergib uns unsere Schuld. Dass Gott uns Menschen vergibt, das war ein Kernthema seiner Verkündigung. Jesus hat einen barmherzigen Gott verkündigt, der Menschen ihre Schuld vergibt und sie neu anfangen lässt. Er hat da großartige Geschichten dazu erzählt – zum Beispiel das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Er hat dies auch dadurch sichtbar gemacht, indem er sich mit sogenannten Sündern, mit Zöllnern und Prostituierten an einen Tisch gesetzt hat und mit ihnen gegessen und gefeiert hat. Er hat Zöllner sogar in seinen engsten Freundeskreis berufen. Dies hat ihm bei den damaligen Frommen viel Kritik eingebracht und war möglicherweise auch einer der Gründe, warum sein Weg ihn schließlich ans Kreuz geführt hat. Aber ihm war es wichtig zu zeigen: Das mit der Vergebung, das mit der Möglichkeit, neu anzufangen, dass nehme ich wirklich ernst.

    Jesus war davon überzeugt: Gott ist gnädig, Gott vergibt Schuld, Gott lässt uns neu anfangen.

     

    Gleichzeitig ist Jesus aber auch davon überzeugt: Wir Menschen, wir brauchen diese Vergebung Gottes, denn wir Menschen werden schuldig. Wobei es in der Bibel Schuld in drei ganz unterschiedlichen Richtungen gibt.

     

    Die erste Richtung ist uns vielleicht die geläufigste: Wir werden schuldig gegenüber unseren Mitmenschen. Wir tun etwas, das unseren Mitmenschen Schaden zufügt. Oder wir tun etwas nicht, was wir tun müssten, um unserem Mitmenschen zu helfen. Unterlassene Hilfeleistung. Die Bibel geht davon aus, dass kein Mensch durchs Leben kommt, ohne da immer wieder schuldig zu werden. Und es ist ja noch viel komplizierter. Durch wirtschaftliche Systeme, durch politische Systeme haben wir Anteil an so manchem Unrecht, das in der Welt geschieht. Wir haben Anteil am ungerechten Welthandel. Wir haben Anteil am Klimawandel – nur um zwei Themen zu nennen. Es ist gut, wenn wir fair einkaufen, es ist gut, wenn wir versuchen, verantwortlich mit der Umwelt umzugehen – aber schuldlos kommen wir da nicht durch.

     

    Schuld – es gibt sie auch noch in zwei weiteren Dimensionen.

    Schuld gegenüber Gott. Hier geht es um unsere Gottesbeziehung. Wir Menschen werden schuldig gegenüber Gott, wenn wir ihn nicht als Gott anerkennen, wenn wir ihn nicht Gott sein lassen.

    Wenn wir nicht an ihm glauben, nicht ihm vertrauen, sondern wenn wir uns unsere eigenen Götter machen und von denen unser Glück erwarten, und wenn wir uns unsere eigenen Gebote machen und Gottes Willen missachten. Martin Luther hat das so ausgedrückt: Das, woran du dein Herz hängst und das, worauf du dich im Innersten verlässt, das ist dein Gott. Ja, wir können auch Gott gegenüber schuldig werden.

     

    Schuld – die dritte Dimension: Wir können auch gegenüber uns selber schuldig werden. Dann, wenn wir unsere eigene Bestimmung verfehlen. Wenn wir Liebe nicht leben, die in uns angelegt ist. Wenn wir Gaben verkümmern lassen, die uns anvertraut worden sind. Auch da werden wir nicht alles verwirklichen können, nicht alles leben können – auch da werden wir schuldig werden gegenüber uns selbst.

    Vergib uns unsere Schuld. Alle diese drei Dimensionen von Schuld können mitschwingen, wenn wir das beten: Schuld gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt, Schuld gegenüber Gott und Schuld gegenüber uns selbst. Wir beten zu einem Gott, der barmherzig ist, der Schuld vergibt, der uns neu anfangen lässt. Deshalb dürfen wir das vertrauensvoll und mutig beten: Vergib uns unsere Schuld.

     

    Jetzt gibt es aber auch noch diesen zweiten Teil dieser Bitte: Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Jesus geht davon aus, dass die Vergebung, die wir von Gott erbitten, dass wir die auch anderen gewähren, die an uns schuldig werden. Wir können sogar die Vergebung verwirken, wenn wir selber nicht auch zur Vergebung bereit sind.

    Dies macht das Gleichnis vom unbarmherzigen Schuldner deutlich, das wir in der Schriftlesung gehört haben. Jesus warnt davor, hartherzig zu werden, nicht zu vergeben und andere zu verurteilen. Und die Vaterunserbitte erinnert uns daran, dass es darum geht, da ein neues Miteinander einzuüben.

     

    Ich habe ja am Anfang der Predigt diese zwei Beispiele gebracht, von unserer Nationalmannschaft und von der Brücke in Genua. Zwei Beispiele, wo niemand schuld sein wollte. Vielleicht ist es ja so, dass in unserer Gesellschaft, die auch stark durch die Medien geprägt wird, dass da gnadenlos geurteilt und verurteilt wird. Was über einen harmlosen Fehler hinausgeht, wird nicht mehr verziehen. Schnell wird man an den Pranger gestellt, schnell wird der Rücktritt gefordert. Schnell ist man unten durch.

     

    Kann jemand zur eigenen Schuld stehen, kann jemand um Vergebung bitten, wenn er oder sie keine Hoffnung haben kann, auch Vergebung zu finden? Es ist wichtig und es ist nötig, dass wir Menschen miteinander wieder barmherziger werden. Und wir Christen haben da vielleicht eine besondere Verantwortung. Eine besondere Vorbildfunktion. Wenn wir nicht vergeben können, die wir das Evangelium von dem barmherzigen Gott kennen, wir die wir wissen, dass uns vergeben ist und wir neu anfangen können – wenn wir nicht vergeben können – wer dann?

     

    Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

     

    Amen.

  • add „Führe uns nicht in Versuchung“ Predigt von Pfarrer Andreas Oelze

    Liebe Gemeinde,

    zunächst das Wichtigste: ich muss heute dem Papst widersprechen!

    Ist das nicht super? Ich muss dem Papst widersprechen – ich meine, dass ist doch klasse – für einen evangelischen Theologen!

    Na gut, ihm wird das ziemlich egal sein, und ich bin auch bei weitem nicht der Erste, der das tut. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat das bereits getan, ebenso auch die katholische Bischofskonferenz – aber egal, heute bin ich dran!

     

    Worum geht es? Sie wissen es vermutlich bereits. Es geht um die sechste Bitte des Vaterunsers: „Führe uns nicht in Versuchung“. Papst Franziskus hat – wie Sie vielleicht in den Medien mitbekommen haben – in einem Interview vor 2 Monaten gesagt, dass diese Übersetzung nicht richtig sei und dass man sie ersetzen solle durch „lass uns nicht in Versuchung geraten“ - und er hat damit sicher vielen Christinnen und Christen aus dem Herzen gesprochen.

    Und ehrlich: diese Bitte ist ja auch schwierig. Führt Gott wirklich in Versuchung? Der Papst sagt klar: „Nein, so etwas macht ein Vater nicht! - und der Gott, den Jesus verkündigt, zu dem wir im Vater unser beten sollen, ist eben der liebende Vater.“

     

    Das Problem ist nun aber, dass der Text in den Evangelien eindeutig ist. Da steht nun einmal: „Führe uns nicht hinein in die Versuchung“ - und nichts anderes.

    Das weiß der Papst natürlich auch. Aber – so wird argumentiert – Jesus hat ja nicht Griechisch gesprochen – also die Sprache, in der die Evangelien geschrieben wurden – sondern Aramäisch. Und um das Argument kurz zu machen: bei der Übersetzung ins Griechische sei den Evangelisten ein Fehler unterlaufen. Eigentlich habe Jesu gemeint: „lass uns nicht in Versuchung geraten“

    Das Problem bei dieser Argumentation ist aber nun: Wir haben leider nicht die originalen Worte Jesu, wir haben nur das, was wir haben – und das sind die Worte in den Evangelien. Wenn wir versuchen, das zu rekonstruieren, was Jesus selbst gesagt hat, ist das reine Vermutung, reine Spekulation.

    Wie können wir hier aber  weiter kommen, sicheren Boden unter den Füßen bekommen – in welche Richtung auch immer?

     

    Nun, hier hilft ein Blick in die Bibel. Und da ist es nun mal deutlich – ob wir es mögen oder nicht –, dass Versuchungen – und zwar durchaus von Gott verursachte Versuchungen – dazu gehören.

    Ich erinnere nur an die Schriftlesung, die wir vorher gehört haben: die Versuchung Jesu (Mt 4,1-11). Wenn Sie genau zugehört haben, haben sie bemerkt, dass hier erzählt wird, dass der Geist, der Geist Gottes, Jesus in die Wüste geführt hat, damit er vom Teufel versucht würde.

    Oder denken wir an frühere Erzählungen, z.B. in der Erzählung vom Auszug aus Ägypten, als Gott sein Volk befreit und ihm die Gebote gibt, da wird immer berichtet, dass Gott sein Volk versucht.

    Die Beispiele ließen sich erweitern.

     

    Gut, die Bibel ist eindeutig, aber die inhaltliche Frage bleibt dennoch: Ist das nicht letztlich ein veraltetes, überkommenes Gottesbild. Das Bild eines Gottes, der uns Fallen stellt, der hinterhältig darauf wartet, dass wir einen Fehler machen, um dann hinter dem nächsten Busch hervorzuspringen, um uns zu bestrafen? Das wäre dann tatsächlich ein Gott, der mit dem Vater Jesu Christi nur wenig zu tun hätte.

     

    Aber ist das so? Ich glaube nicht!

    Vielleicht wäre es hier sinnvoll, zunächst zu überlegen, was mit diesem merkwürdigen Wort „Versuchung“ überhaupt gemeint ist.

    Letztlich geht es dabei doch wohl darum, dass wir in unserem Leben in Situationen geraten, in denen wir uns entscheiden müssen – entscheiden zwischen einer guten, richtigen und Gottes Willen entsprechenden Möglichkeit und einer, die Gottes Willen gerade nicht entspricht, die uns aber irgendwie reizvoll erscheint, von der wir irgendeinen Vorteil haben. Und genau in dieser Entscheidung liegt dann die Versuchung.

    Das können verschiedene Dinge sein – es geht weniger um so banale wie die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt – viel wesentlicher geht es um geistliche Versuchungen. Dann wenn wir uns zu Gott aufschwingen, wenn wir nicht mehr auf ihn vertrauen, sondern nur noch auf uns und unsere Fähigkeiten.

     

    Das sind alltägliche Situationen – Situationen, die wir alle kennen und die wir in unserem Leben überhaupt nicht verhindern können. Versuchungen gehören zu unserem Leben dazu – es geht überhaupt nicht ohne! Wir alle stehen immer wieder vor der Entscheidung zwischen dem Richtigen und dem Angenehmen – gesegnet der Moment, in dem beides das Selbe ist – aber wie viel häufiger der Konflikt.

    Und in diesem Konflikt können wir uns falsch entscheiden. Natürlich können und werden wir immer wieder in solchen Entscheidungssituationen scheitern. Und das ist unangenehm, ja – gerade wenn derjenige, vor dem wir scheitern, Gott ist. Aber macht unser mögliches Scheitern Gott zu einem hinterhältigen Tyrannen?

     

    Ich möchte einen Vergleich wagen, den Vergleich von Versuchung und Prüfung. Prüfung – so wie in der Schule, z.B. wie in den gerade zurückliegenden Prüfungen kurz vor Schuljahrsende. Denken wir etwa an das letzte Abitur.

    Bei solchen Prüfungen können wir auch durchfallen – das stimmt – und das ist äußerst unangenehm. Aber: sind deswegen Prüfungen Terror und Prüfer hinterhältige Sadisten? Doch wohl kaum! Der Sinn von Prüfungen ist doch nicht, Menschen durchfallen zu lassen, sondern letztlich, dass sie das, was sie wissen und können, zeigen dürfen. Das Ziel jeder guten Prüfung ist doch, das Bestmögliche aus den Prüflingen herauszukitzeln.

    Wenn das schon bei uns Menschen zutrifft – um wie viel mehr dann bei Gott?

    Ja, es gibt Prüfungssituationen in unserem Leben. Das ist so – wer wollte es leugnen? Und ja, wenn wir die Bibel ernst nehmen, führt Gott uns auch in solche hinein – aber nochmals: doch nicht mit der Absicht, uns scheitern zu sehen!

     

    Und: Vergessen wir nie, in welchem Zusammenhang diese Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“ steht. Es ist der Zusammenhang des Gebetes, das uns erlaubt, den allmächtigen Schöpfer als „unseren Vater“ anzureden; des Gebetes, in dessen Zentrum steht: „Vergib uns unsere Schuld“ - Gott, unser Vater, vergibt uns die Schuld – und das wird doch gerade dann relevant, eben wenn wir scheitern. Jesus geht offensichtlich in diesem Gebet gerade davon aus, dass wir alle immer wieder scheitern – und gerade deswegen die Vergebung der Schuld brauchen – sie aber auch von Gott bekommen. Das ist der Gott, der uns prüft, ja – der uns dann aber auch vergibt.

     

    Es geht also tatsächlich letztlich um Gott, bzw. unser Bild von Gott. Darin hat der Papst auch wirklich recht – aber er wählt den falschen Weg.

    Denn: um das Bild des liebenden Vaters zu retten, möchte der Papst unsere Versuchungen weit von Gott entfernt sehen. Das ist ehrenwert. Das Problem ist nur, dass er dennoch erklären muss, woher denn dann diese Versuchungen und Prüfungen kommen. Und die einzige Antwort, die ihm dann noch bleibt, ist: der Teufel.

    Um den lieben Gott zu retten, muss er den Teufel stark machen. Um unsere Versuchungen von Gott fernzuhalten, braucht er eine starke böse Macht.

     

    Das ist aber aus mindestens zwei Gründen schwierig:

    Zum Einen ist diese Form, neben Gott eine zweite, von ihm unabhängige und ihm ebenbürtige Macht zu sehen, unbiblisch. Blicken wir ins Alte Testament: An den ganz wenigen Stellen, in denen der Teufel oder der Satan überhaupt vorkommt, ist er nicht eine widergöttliche Macht, sondern letztlich ein Untergebener Gottes, Teil des göttlichen Hofstaats. Auf jeden Fall niemand, der Gott auch nur annähernd Paroli bieten könnte.

    Und das ist nicht nur theoretisch-theologisch wichtig. Das ist v.a. seelsorgerlich zentral. Denn was wird damit gesagt? Was wird mit der Botschaft, dass Gott uns in Prüfungssituationen leiten kann, letztlich ausgesagt? Warum ist diese Sicht tröstlicher, als wenn wir die Ursache hier z.B. beim Teufel sehen würden?

    Zum Einen wird damit zutiefst ernst genommen, dass wir Gott nicht immer begreifen können – und das können wir einfach nicht! So sehr wir ihn auch fassen wollen, wir müssen anerkennen, dass er immer größer ist, als was wir begreifen können. Das ist das Eine.

    Das Andere ist aber, dass wir dennoch darauf vertrauen können, dass auch dann, wenn wir ihn nicht begreifen, wenn wir nicht begreifen können, warum etwas in unserem Leben geschieht, dass wir genau in diesen Krisen in unserem Leben sicher sein dürfen, dass Gott nicht einfach die Kontrolle verloren hat.

    Gott entgleitet mein Leben nicht – auch wenn es mir entgleitet. Auch wenn ich keinen Sinn erkennen kann, kann ich mich an dem Strohhalm des Glaubens festhalten, dass Gott auch aus meinen Sinnlosigkeiten Sinn schaffen wird

    Und so verrückt es klingen mag. Gerade diese Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“, die also auch die Versuchung, die Krise mit Gott in Verbindung bringt, bewahrt uns davor, irgendeinen Bereich in unserem Leben sehen zu müssen, der gottverlassen wäre. Nein, mein Leben ist immer – in jedem Moment – in Gottes Hand – auch wenn ich das vielleicht nicht immer spüre und auch, wenn ich vielleicht umgekehrt das Gefühl habe, von seiner Hand erdrückt zu werden – es ist immer die Hand des gütigen Vaters, der sein Ziel mit mir erreichen wird – durch alle Krisen, Prüfungen und Versuchungen hindurch.

     

    „Führe uns nicht in Versuchung“ - es bleibt eine schwierige Bitte. Und ja, der Papst hat Recht: es geht dabei letztlich um das Gottesbild. Aber gerade deswegen ist es so wichtig, beim biblischen Text des Gebetes zu bleiben. Denn er bewahrt uns davor, Gott zu einem weichen Knuddelbär-Göttlein zu verniedlichen.

    Gott ist immer größer. Daher ist auch die Alternative zwischen dem liebenden Vater und dem hinterhältigen Fallensteller Gott zu klein und kann Gott nicht fassen. Gott ist größer!

    In unserer Welt geschieht so viel, was wir nicht begreifen können – und was unseren Glauben anficht, wodurch wir in Versuchung geraten.

    Aber nochmals: gerade hier ist es so wichtig, daran festzuhalten, dass Gott größer ist. Größer als alles, was wir begreifen können – und zugleich ist dieser große Gott unser Vater, der uns liebt, der uns bei sich möchte, der uns zwar Prüfungen aussetzt, aber nicht, damit wir scheitern, und der uns aber selbst dann, wenn wir scheitern, gnädig annimmt und uns vergibt.

    Ja, die Versuchung ist groß, die Sache mit der Versuchung ausblenden zu wollen. Diese Versuchung ist groß – aber auszuhalten: denn unser Gott ist größer!

    Amen.

  • add „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“ Predigt von Pfarrer Holger Stähle

    Der Schluss ist meistens das Wichtigste!

     

    Bei jedem Krimi ist das so,

    und bei den meisten Filmen -

    Und so muss es kein Fehler sein, liebe Gemeinde, dass wir beim Start in die Predigtreihe gleich mit dem Schlusssatz des Vater Unsers starten:

     

    Denn dein ist das Reich

    – und die Kraft

    -und die Herrlichkeit

    in Ewigkeit

     

    Ich weiß nicht, wie es ihnen geht mit diesem Schusssatz des Vater Unsers:

    Reich – Kraft – Herrlichkeit – Ewigkeit, das klingt gewichtig ja gewaltig! Ist dieser Schlusssatz des Vater-Unsers für sie auch ein Höhepunkt des Vater Unsers?

     

    Aber ich muss Sie gleich ernüchtern, denn: In den ältesten Handschriften des Neuen Testaments fehlt dieser Schlusssatz.

    Forscher nehmen an, dass dieser Satz gar nicht im Ur-Vater-Unser Jesu stand, sondern dass erst die frühen Gemeinden diesen Schlusssatz drangehängt haben.

    Wenn man das Vater Unser spricht, spürt man das auch:

     

    Die ersten Bitten die sind ganz konkret und eindringlich:

    ·      dein Reich komme

    ·      dein Wille geschehe

    ·      unser tägliches Brot gibt uns heute

     

    Und dann kommt unser Schlusslobpreis.

    Nach all den ernsten lebenspraktischen Bitten Jesu öffnet er den Blick für Gottes Größe und die Weite der Ewigkeit:

    Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit

     

    Wohl darum haben die ersten Gemeinden noch einen Lobpreis drangehängt zum Schluss: zum Aufblicken und Aufatmen.

     

    Während man bei „und vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben“ – ernst und in sich gekehrt betet.

    Kann man sich beim Schlusssatz ein Stück zurücklehnen – die Arme ausbreiten - Gott loben und preisen.

     

     

    Jesus und Lobpreis

     

    Lobpreis - das liegt ja heute in vielen Gemeinden ganz im Trend. In manchen Gottesdiensten im Kirchenbezirk trifft man sich mitunter ausschließlich zum Lobpreis.

    Das Allzuirdische: Hunger, Brot, Reich, Schuld, Unrecht, das blendet man dabei aus – und konzentriert sich ganz aufs Loben.

    Auf Gottes Größe, so wie im Schusssatz des Vater Unsers.

    Aber:Ob dies im Sinne Jesu ist?

     

    In seinem Vater Unser geht es um die ganz elementaren Dinge des Lebens. Mein Eindruck: St. Michael hats nicht so mit der Lobpreiswelle, hier wird für den Frieden gebetet – „dein Reich komme“ und für die sozial Schwachen gepredigt: Unser tägliches Brot gib uns heute, nah am O-Ton Jesu.

     

    Und weil dieser letzte Lobpreissatz ja eh nicht in den Alten Handschriften steht – warum dann nicht einfach einen Schritt weitergehen: Zurück zum Original-Vater-Unser! und den Letzten Satz: Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit -  einfach streichen!?!

     

    Dann können wir die Predigt hier auch beenden - 

    Wir singen noch ein paar schöne Choräle. Und freuen uns auf den Rest der Predigtreihe zum Original-Vater-Unser.

    Was meinen sie?

     

    Zwischeneinschub:

     

    Muffins & die Kraft und das Reich

     

    Diesen Mittwoch saß ich am Haalplatz auf der Kochermauer mit den Konfirmanden von St. Michael und wir haben Eis geschlotzt.

    Und da hab ich sie gefragt: Was ihnen denn zu diesem Vater Unser Satz vom Reich und der Kraft und der Herrlichkeit in Ewigkeit einfällt:

     

    Und die Antwort war:

    è „Muffins !“

    „Muffins?“ Hab ich gefragt

     

    Ja! - Zu Kraft fällt mir Energie ein – und Muffins geben Energie, und Energie sorgt für Kraft und gute Laune!

     

    Und Muffins geben gute Schwingungen – und wenn es nur positive Schwingungen gibt und keine negativen Schwingungen

    Dann ist Gottes Reich. Sie brauchen Muffins im Gottesdienst.

    Und wenn´s im Gottesdienst Muffins gibt kommen wir auch!

     

    So einfach kann das mit diesem Schlusssatz sein!

    Und in der Tat, zu den Stichwörtern dieses Schlusssatzes fällt nicht nur Konfirmandinnen sofort vieles ein:

     

     

    Modernes Lebensgefühl: Power – Glory – Kingdom

     

    Er trifft das Lebensgefühl von vielen Menschen heute deutlich besser als der Rest des Vater Unsers.

     

    Zu Kraft – fällt uns sofort vieles ein: Energie – Power, Sport, Hanteln, Fitnesstraining -für ganz viele Menschen – besonders Männer –ist Kraft&Power zentraler Lebensinhalt.

     

    Auch Reiche aufzubauen liegt voll im Trend:

    Viele Jugendliche und Erwachsene verbringen Stunden, um in Computerspielen neue Reiche aufzubauen. Mit Strategie, Geduld und oft mit Kämpfern mit allerlei Spezialkräften.

    Schließlich Herrlichkeit, Ewigkeit, Unendlichkeit;

    – da singen nicht nur die Toten Hosen:

    An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit.

     

    Für moderne Zeitgenossen geht es allerdings zuallererst nicht um „dein ist die Kraft“ – Sondern um „meine Kraft“ geht es, und um mein Reich, das ich mir aufbauen, und um meine Herrlichkeit in meinem Sommerurlaub, der gern noch bis zur Ewigkeit hätte weitergehen können.

     

    Dazu passt: Zu unserem Vater-Unser-Vers gibt es kein Gesangbuchlied aber einen Popsong!

    “Give us this day all that you showed me

    The power and the glory till my kingdom come.”

    (Hymn von Ultravox)

     

    Power – Glory – Kingdom

    Ja, das sind Worte aus denen moderne Popsongs gemacht sind!

    Ich war auch ganz euphorisch: Ein Lied zu unserem Vers! Das eine Lanze bricht für den Glauben!

    Bis ich im Text gestolpert bin:

    The power and the glory, Till my kingdom come –

    Wessen Reich soll da bitte kommen? –

    mein Reich komme?

    Und um wessen Kraft geht es eigentlich in diesem Lied und in unserem Leben? Und um welche Herrlichkeit?

    Da bleibt das Lied kryptisch.

     

    Eine Sehnsucht nach

    Kraft und Herrlichkeit und Glaube die über mich hinausragt –

    die gibt es in diesem Lied und in vielen von uns.

    Aber wir kreisen oft derart um uns selbst, dass vielen das große Ganze: Gott – sein Reich - seine Kraft - seine Herrlichkeit ganz abhanden gekommen sind.

     

    Was ist daran so schlimm?

    -      Unsere Welt fährt gegen die Wand,

    -      In der Politik: My Power, me first; my glory.

    -      Im Privaten suchen wir die Ewigkeit im Moment – auf dem Jakobimarkt und auf dem nächsten Musikfestival

    -      und jetten der Herrlichkeit hinterher in möglichst herrliche Urlaubsgebiete – nach uns die Klimawandelsintflut

     

     

    Die Stärke unsres Lobpreissatzes

     

    Vielleicht liegt da eine Stärke unseres Schlusssatzes und überhaupt von Lobpreis: einmal innezuhalten, in unserer Selbstglorifizierungsmühle.

     

    Im Lobpreis geht es um Gott, nur um Gott und erst an allerzweiter Stelle um mich

    Dein ist das Reich, dein ist die Kraft (dynamis – die Dynamik die unsere Welt braucht); und die Herrlichkeit, in Ewigkeit.

    – und darin liegt ein ganz heilsames Umdenken.

    Wir brauchen heute eine Vision – die über unseren Suppentellerrand von Musikfestivals und Sommerevents hinausreicht, und die haben wir Christen:

     

    Gottes Reich,

    wie es Jesus uns ans Herz legt. In der Bergpredigt und im Vater Unser.

     

    Um auf dieses Reich zuzuleben brauchen wir Kraft – Power – Dynamik. Und zwar nicht die aus der Muckibude oder dem Fitnesscenter. Sondern einen Geist der eben nicht einfach nur unserer ist. Gottes Geist – der uns den Horizont weitet.

     

    Und ein Gespür für Herrlichkeit – für das was heilig ist –

    (eine Herrlichkeit die mehr ist als die Herrlichkeit im Lidl-Reisen-prospekt vom Tauchurlaub in Ägypten.)

    - die wir in den Psalmen finden, und vielleicht auch tief in unserem Herzen – in der Ehrfurcht vor Gott.

     

    Denn dein ist das Reich – und die Kraft und die Herrlichkeit –

    in Ewigkeit!

     

    Amen

     

  • add "Amen" Predigt von Pfarrerin Julia Alius

    Liebe Gemeinde,

    wir stehen auf dem Vorplatz des Campusgebäudes, in dem ich 6 Monate lang gewohnt habe. 6 Monate war ich hier am United Theological College in Bangalore, habe tolle Menschen und eine völlig neue Kultur kennen gelernt. Und nun geht es wieder nach Hause, zurück nach Deutschland. Das Taxi ist schon bepackt, die Sonne geht langsam über dem Campus auf. Wir stehen im Kreis, ein paar Kommilitonen und ich, jetzt heißt es Abschied nehmen. Es ist ein wehmütiger Moment, wer weiß, ob man sich wieder sieht.

    Da stimmt einer ein Gebet an. „Danke für die schöne Zeit, die wir gemeinsam hatten“, sagt er. „Danke für all den Segen den du geschenkt hast. Wir bitten dich für eine sichere Heimreise und ein gutes Ankommen, zurück in Deutschland. Amen.“ Wir halten uns an den Händen und stimmen ins Amen mit ein. Amen, ja, so sei es. Und wir drücken einander die Hände.

    Das erinnert mich ans Abendmahl. Einer meiner Lieblingsmomente im Gottesdienst ist dieser Moment, wenn man nach dem Empfang des Abendmahls im Kreis steht und sich zum Zeichen der Gemeinschaft die Hand gibt. Auch hier antworten wir auf das Sendewort „Gehet hin in Frieden“ mit „Amen“, verbunden mit einem Händedruck und einem freundlichen Blick zum Nachbarn. Und viele antworten auch auf den Empfang der Hostie und des Kelchs mit einem leisen, aber deutlichen „Amen“.

    Das Amen ist das häufigste Wort im Gottesdienst. Gleich nach dem Votum wird es gesungen „Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ „Amen“. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“.

    Insofern kann ein Predigttext kaum bekannter sein als unser heutiger Predigttext, der einfach nur in dem Wort „Amen“ besteht. Und viel kürzer auch nicht. Wahrscheinlich erinnert sich mancher noch aus Kindertagen wie sehnlich man das Amen vor allem am Ende der Predigt erwartet hat. Und vielleicht nicht nur in Kindertagen.

    Das Amen scheint so etwas wie ein feierlicher Punkt zu sein, gleichbedeutend mit Schluss, Ende, Finito. Wenn das tatsächlich der Sinn des Wortes „Amen“ wäre, wäre es nicht nur ein kurzer und bekannter Predigttext, sondern auch einer, der eher ans Ende der Predigtreihe über das Vaterunser passen würde.

    Aber im eigentlichen Sinn bedeutet Amen viel mehr als einen Schlusspunkt. In der hebräischen Sprache des Alten Testaments findet es sich bereits. Und es bedeutet seinem Wortstamm nach „fest sein“, „zuverlässig sein“. Die zugehörigen Substantive bedeuten „Wahrheit, Glaube, Gewissheit und Vertrauen“.

    Deshalb ist das „Amen“ seinem Wortsinn nach eine Bekräftigung von etwas, das gesagt wurde. Ja, so ist es! Dem stimme ich zu! Oder auch die Bekräftigung einer Bitte. Ja, so soll es geschehen! So möge es sein! Und im Neuen Testament wird dieser Sprachgebrauch fortgesetzt. In den letzten Versen der Bibel heißt es in der Offenbarung so: „Ich komme bald – Amen, ja, komm, Herr Jesus!“ Wo in den Paulusbriefen ein Amen stand, hat Paulus ziemlich sicher damit gerechnet, dass die Gemeinde in den Amenruf einstimmt, wenn der Brief im Gottesdienst vorgelesen wurde.

    Amen ist im Gottesdienst und im Leben der Christen von Anfang an ein bekräftigender Ruf, der die Personen bindet. Die Amensprechenden sagen verbindlich „Ja“.

    Beim Vaterunser gab es den Abschluss vermutlich anfangs noch nicht. Die Worte „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ wurden sehr bald hinzugefügt. Aber sie passen sehr gut, denn mit diesen Worten eignet sich die Gemeinde die Verheißungen des Vaterunsers an. Damit drückt die Gemeinde aus, dass sie auf die Erhörung der Bitten hofft. Ja, Gott, dein Reich komme. Versorge uns mit dem Nötigsten, gib uns unser tägliches Brot. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern.

    Mit dem Amen sage ich Ja zu dem Gehörten und gleichzeitig lasse ich mich dadurch mit hineinnehmen. Wir sind in das Gebet eingeschrieben. Nicht nur als Bittende, sondern als Menschen, die sich in ihrem Handeln am Handeln Gottes orientieren. Ja, auch ich will Schuld vergeben. Ein Amen ist deshalb nie nur ein Abschluss. Es öffnet für die Zukunft. Ich will, dass es so geschieht. Ich hoffe, es wird geschehen. Ich ersehne es. Und ich bekräftige: es wird so werden. Ich bin dabei. Ich identifiziere mich damit. Ich mache es mir zu eigen.

    Der früh verstorbene praktische Theologe Henning Luther hat einmal gesagt: „Glauben heißt: unterwegs sein mit einer Verheißung“. Beides ist daran wichtig: das Unterwegssein, das Noch-nicht-fertig-sein, das Christsein im Werden, und die Verheißung, die uns auf diesem Weg begleitet und uns Wegweisung gibt. Und im Amen findet genau das seinen Ausdruck. Das unterwegs sein mit einer Verheißung.

    Ich bin bei einer älteren Dame zum Geburtstagsbesuch. Wir sitzen zusammen an ihrem Esstisch in der Küche, sie hat vor sich ein Fotoalbum aufgeschlagen. Sie zeigt mir ihre Familie, ihre Enkel und Urenkel. Stolz ist sie, das sieht man ihr an. Und dann erzählt sie vom Krieg und dass sie eines ihrer Kinder auf der Flucht verloren hat. „Das war schlimm damals. Und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an mein Kind denk.“ sagt sie. Wir sitzen da und schweigen. Angesichts manchen Leids verschlägt es einem die Sprache. Bevor ich aufbreche, frage ich „Wollen wir gemeinsam beten?“ Und wir beten. Ich fange an und sie legt ihres dazu. Wofür sie dankbar ist und was sie in Gottes Hände legt. Den Schmerz und das, was sie immer noch zerreißt. Wir danken für den gemeinsamen Nachmittag. Für die Geranien vor ihrem Fenster und den Kuchen, den wir gegessen haben. Und wir denken an das Kind, das nicht groß werden durfte. All das hat Raum vor Gott, ihm geben wir es in die Hand. Und sagen „Amen.“ Ja, so sei es. Danach sehnen wir uns. Dahin sind wir unterwegs. Nein, wir sind noch nicht da, aber wir sind unterwegs mit einer Verheißung.

    Der Verheißung von Gott, dass er uns hört, dass unsere Nöte ihm nicht egal sind, so groß oder klein sie auch sein mögen. Und dass er mit uns unterwegs ist, über Berge und durch Gestrüpp genauso wie auf leichten Strecken.

    Das Amen ist insofern ein Doppelpunkt. Denn es deutet auf eine Zukunft hin. So sei es, so werde es. Ich gehe mit dieser Verheißung nach dem Gottesdienst und nach dem Gebet wieder raus in eine Welt, in der ich herausgefordert werde. In der auf Plätzen in Dresden Menschen „Absaufen! Absaufen!“ schreien. In der immer noch so viel Krieg herrscht. In Syrien wütet er schon seit 7 Jahren, die UNO schätzt mittlerweile, dass es knapp 500.000 Tote gibt. Und doch habe ich das Gefühl, dass die Nachrichten über dieses Land immer spärlicher werden. „Dein Reich komme“ beten wir und setzen unser „Amen“ dahinter. Bitte lass uns etwas von deinem Reich erahnen, etwas von deiner Gerechtigkeit. Und hilf uns, etwas dazu zu tun.

    Das Amen fordert mich heraus. Welche Aufgabe habe ich in dieser Welt als Salz der Erde und Licht der Welt? Wie verhalte ich mich? Und wie kann ich anderen vergeben – und mir selbst?

    Ich finde das keine einfachen Fragen. Es sind Dinge, an denen ich immer wieder scheitere. Als Salz der Erde habe ich keinen leichten Job, sondern einen, der ziemlich unbequem ist. Ungerechtigkeiten anzusprechen, im Job oder in der Klasse. Für Überzeugungen einzustehen.

    Oder allein solche Fragen wie: Kann ich tatsächlich guten Gewissens mit dem Flugzeug in den Urlaub reisen? Wo doch der Klimawandel so spürbar ist?

    Und zugleich trägt mich das Amen und gibt mir Hoffnung. „Dein Reich komme“ bitten wir und es ist nicht an uns allein, es herbei zu führen. Gott verheißt uns, mit uns auf dem Weg zu sein, bei unserm Scheitern wie bei Dingen, die uns glücken. Er verheißt uns, in unserem Schmerz wie in unserer Freude dabei zu sein. Ich habe einen Boden, der mich trägt.

    Dietrich Bonhoeffer hat dazu ein Gedicht geschrieben und mit ihm will ich schließen:

    Gewiss ist, dass wir immer in der Nähe und unter der Gegenwart Gottes leben dürfen und dass dieses Leben für uns ein ganz neues Leben ist; dass es für uns nichts Unmögliches mehr gibt, weil es für Gott nichts Unmögliches gibt; dass keine irdische Macht uns anrühren kann ohne Gottes Willen und dass Gefahr und Not uns nur näher zu Gott treiben; gewiss ist, dass wir nichts zu beanspruchen haben und doch alles erbitten dürfen; gewiss ist, dass im Leiden unsere Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss ist, dass wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt. Zu all dem hat Gott in Jesus Ja und Amen gesagt. Dieses Ja und Amen ist der feste Boden, auf dem wir stehen.

    Amen.