Ansprache zur Gedenkfeier am 9. November 2018 von Dekanin Anne-Kathrin Kruse

Foto: Hans Kumpf Aufnahme von der Gedenkfeier 2014

Hier können Sie die Ansprache zur Gedenkfeier der Reichspogromnacht in Schwäbisch Hall von Dekanin Anne-Kathrin Kruse im Wortlaut nachlesen.

Liebe Anwesende!

 

Es gilt mehr denn je, wachsam zu sein, sensibel für Anzeichen von Antisemitismus in unserem Land zu werden.

 

Aber was ist eigentlich Antisemitismus?

Antisemitismus heißt, den Juden das Recht abzusprechen,

als Juden zu leben mit denselben Rechten wie jeder andere auch.

Dabei hat dieser Hass gegen Juden

immer neue Formen angenommen:

- Seit der Entstehung des Christentums war es die religiöse Judenfeindschaft,

·      wenn Juden als Gottesmörder verfolgt wurden,

·      wenn Pharisäer als Heuchler bezeichnet werden,

·      wenn Gott aufgespalten wird in einen Gott der Rache im AT und in einen Gott der Liebe im NT

Wir Christen begehen Verrat an dem Juden Jesus,

wenn wir das jüdische Volk, sein Volk missachten.

Religiöser Antijudaismus ist Sünde gegen Gott und die Menschheit.

- Im 19. Jh. wurden Jüdinnen und Juden wegen ihrer angeblichen Rasse gehasst.

- Heute hasst man sie wegen ihrer Nation, dem Staat Israel.

Juden nicht zu mögen – ist kein Antisemitismus.

Jedem fallen Menschen ein, die wir nicht mögen.

Israel zu kritisieren – ist kein Antisemitismus.

Das ist Teil der Demokratie. Und Israel ist eine Demokratie,

die einzige uneingeschränkt funktionierende im Nahen Osten

mit einer freien Presse und einer unabhängigen Justiz.

Dennoch wird Israel regelmäßig einer der 5 Todsünden des Menschenrechts bezichtigt: Rassismus, Apartheid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ethnische Säuberung, versuchter Völkermord.

Und keinem einzigen Staat dieser Erde,

und sei er noch so verbrecherisch und menschenverachtend,

weder Syrien noch Saudi-Arabien noch Nordkorea,

wurde jemals das Existenzrecht abgesprochen – außer Israel.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Juden und Israelis.

Für Antisemiten gibt es diesen Unterschied nicht.

Es waren Juden, nicht Israelis, die bei Terroranschlägen in Toulouse, Paris, Brüssel, Kopenhagen und jetzt Pittsburgh getötet wurden.

 

Was wäre, wenn Sie im Gottesdienst

von bewaffneten Polizisten beschützt werden müssten?

Wenn Ihre Kinder im Kindergarten und in der Schule

von bewaffnetem Sicherheitspersonal bewacht werden müssten?

Wenn Sie riskieren, auf offener Straße beschimpft oder attackiert zu werden, wenn Sie ein Symbol Ihres Glaubens tragen?

Wenn Ihre Kinder angebrüllt und eingeschüchtert werden,

aufgrund von Geschehnissen in einem anderen Teil dieser Welt?

Wenn das Wort „Jude“ zum Schimpfwort auf den Schulhöfen wird?

All das geschieht hier in Deutschland jeden Tag.

 

Aber warum gibt es Antisemitismus selbst in Gegenden,

wo es kaum Juden gibt?

Beim Antisemitismus geht es nicht um Juden,

es geht um Antisemiten.

Menschen, die das Gefühl haben, ihre Welt gerät aus den Fugen.

Anstatt Verantwortung für eigene Fehler zu übernehmen

teilen sie die Welt nur noch in schwarz und weiß ein

und verstehen sich selbst als Opfer.

Die Schuld für alle Misslichkeiten liegt nicht bei ihnen selbst,

sondern ausschließlich bei anderen –

und das sind traditionell die Juden.

Antisemitismus entwickelt sich, wenn die Politik der Zuversicht Platz macht für eine Politik der Angst,

die schnell zu einer Politik des Hasses wird.

Und der richtet sich zuerst gegen Jüdinnen und Juden,

dann aber gegen Geflüchtete, Sinti und Roma,

gegen homosexuell Liebende,

körperlich und geistig behinderte Menschen,

dann Muslime, Christen und Atheisten.

 

Deutschland ist nicht antisemitisch.

Wir, denen Freiheit, Mitgefühl und Menschlichkeit

am Herzen liegen, sind viele.

Aber der Antisemitismus ist brandgefährlich - für uns alle.

Es gilt aufzustehen dagegen,

die Stimme zu erheben und einzutreten

für Würde, Menschlichkeit und das Recht, anders zu sein,.

Wir wissen, wohin der Weg des Hasses gegen Juden geführt hat.

Lassen Sie nicht zu, dass wir ihn noch einmal gehen!