Geschichte der Sophie-Scholl-Kirchengemeinde

„Was - eine so neue Kirche? Erst seit 2003 steht die hier? Ja, hat man Anfang 2000 noch Kirchen gebaut? Ich dachte, es werden immer mehr Gemeinden zusammengelegt und sogar Kirchen geschlossen?“
So und ähnlich reagieren immer wieder Menschen, die bei einem Besuch an der Sophie-Scholl-Kirche vorbeikommen oder mit Gemeindegliedern ins Gespräch kommen über Kirche und Gemeinde.
Ja, das gibt es: eine noch recht neue Kirche und eine ziemlich neue, nicht traditionell geprägte Gemeinde!
Wie kam es dazu?


Seit dem Frühjahr 1946 kamen viele Flüchtlinge und Vertriebene im Kreisgebiet und in der Stadt Schwäbisch Hall an. Sie brauchten Wohnraum, und sie in die bestehenden Dorf- und Stadtgemeinden zu integrieren war eine wichtige Aufgabe und zugleich eine große Herausforderung.
1949/50 wurde die Heimbachsiedlung gebaut, eine Nebenerwerbssiedlung auf dem Gewand „Heimbächle“, heute der älteste Teil im Bereich der Sophie-Scholl-Gemeinde. Die Bewohner der Siedlung wurden vom Kreissiedlungsausschuss ausgewählt, 70% sollten Flüchtlinge/Heimatvertriebene sein. 1956/57 wurden die Häuser an die Bewohner übereignet. Zwei weitere Bauabschnitte folgten.
Die Bewohner der Heimbachsiedlung schlossen sich zu einer Siedlergemeinschaft zusammen, die 1952 in den Siedler- und Kleingärtnerbund Heimbachsiedlung e.V. übergeführt wurde und heute noch besteht.
Bis 1955 gehörten die evangelischen Bewohner/innen der Heimbachsiedlung zur Kirchengemeinde St. Katharina in der Stadtmitte (heute Teil der Kirchengemeinde St. Michael - St. Katharina), ab 1955 zur Johannes-Brenz-Gemeinde im Rollhof.

Schon bald wurde eine katholische Kirche gebaut und 1961 eingeweiht. Auch evangelische „Siedler“ beteiligten sich durch Spenden und durch Arbeitsleistung am Bau.

Ab 1965 wurde das Gebiet der Heimbachsiedlung beträchtlich erweitert, 1973 begannen die Planungen für das Baugebiet Teurershof. Das erste fertig gestellte Gebäude war das Altenzentrum. Davon profitierten die evangelischen Gemeindeglieder der Heimbachsiedlung und dann des Teurerhof-Gebiets: Gottesdienste wurden im Festsaal des Altenzentrums gefeiert. Gruppen konnten sich in der katholischen Kirche treffen oder später im 1980 fertiggestellten Heim Schöneck.
1979 wurde Pfr. Ernst Peter Schneider in der Johannes-Brenz-Kirche in sein Amt eingesetzt, er war zuständig für Heimbach, die Heimbachsiedlung, die Stadtheide und den Teurershof (Johannes-Brenz-Gemeinde, Pfarrstelle II). Nach nur dreieinhalb Jahren verabschiedete er sich von der Gemeinde; auf ihn folgte 1983 Pfr. Kurt Wied, Austauschpfarrer aus Minnesota, USA, im Rahmen eines Austauschprogramms der Ev. Landeskirche Württemberg mit der Lutheran Church in Minnesota. Er setzte sich sehr und mit Erfolg dafür ein, dass nach Fertigstellung der Lukas-Kirche das dortige Montagegemeindehaus auf den Teurershof versetzt wird.

Am ersten Advent 1988 wurde diese Barackenkirche eingeweiht, und da sich das Wohngebiet
inzwischen sehr vergrößert hatte, konnte, ebenfalls am ersten Advent, die Investitur eines nur für die Heimbachsiedlung und den Teurershof zuständigen Pfarrers gefeiert werden: Pfr. Horst Möcking. Nach wie vor gehörte die Kirchengemeinde zur Johannes-Brenz-Gemeinde, am 9. Juli 1992 wurde sie dann zur selbständigen Gemeinde, 1995 konnte zum ersten Mal ein eigener Kirchengemeinderat gewählt werden.


Ein großer Wunsch vieler Gemeindeglieder war es, dass der provisorische Kirchenraum bald durch eine „richtige“ Kirche ersetzt wird. 1994 wurde mit diesem Ziel ein Förderverein gegründet. 200.000 DM Eigenmittel - das war die Voraussetzung für den Beginn der Planung. „Können wir das aufbringen?“ werden sich nicht wenige gefragt haben. „Wir können das!“ haben andere zuversichtlich gedacht und durch ein enormes Engagement Veranstaltungen organisiert (Sponsorenradtour, Fußballturnier…), die Spenden einbrachten, für Bazare gebastelt, gestrickt, Marmelade, Likör und Tür- und Adventskränze verkauft - und das Jahr um Jahr bis schließlich mit 250.000 DM Eigenkapital ab 13.09.2002 (erster Spatenstich) gebaut werden konnte. Gerne denken diejenigen, die sich damals so eingesetzt haben, an all die Aktivitäten, die nicht nur sehr viel Geld eingebracht sondern sie einander auch nähergebracht haben.


So aufwändig das Engagement für den Bau der Kirche auch war: es war bei weitem nicht die einzige große Aufgabe, die der Kirchengemeinderat und die anderen in der Gemeinde Mitarbeitenden gesehen und angepackt haben! Nach der Öffnung der Grenze in Deutschland und dem Zuzug sehr vieler Deutscher aus Russland war es ein großes Anliegen, diese in der Gemeinde und im Wohngebiet Fremden zu integrieren. (Das ist bedingt gelungen).
1995 gab es ein erstes Stadtteilfest mit großer Beteiligung aller Vereine, Kirchengemeinden, Institutionen. Die Aufbruchstimmung hielt nicht an (das ist ja immer so!), es wurde schwierig, genügend Mitarbeitende zu finden. Seit ca. 2015 versucht der Stadtteilverein, es wieder zu etablieren und zu beleben.

Als im Sommer 1997 Pfarrerin Renate Meixner ihren Dienst antrat, war die heutige Sophie-Scholl-Gemeinde zur größten Gemeinde der Gesamtkirchengemeinde Schwäbisch Hall geworden.
„Die heutige Sophie-Scholl-Gemeinde“! Damals hieß sie noch nicht so. „Wir brauchen einen neuen Namen“, das wurde immer deutlicher: „Ev. Kirchengemeinde auf dem Teurershof“, wie man bisher sagte, „das geht nicht: die Heimbachsiedlung gehört doch dazu und das ganz neue Wohngebiet Katzenkopf auch, dann kann nicht nur der Teurershof im Namen sein!“ Es war ein längerer Prozess, bis der Name gefunden war und man sich auf den Vorschlag von Dekan Paul Dietrich einigte: Sophie-Scholl-Gemeinde.
Sophie Scholl hat nie in Schwäbisch Hall gelebt, aber ihre Mutter war vor der Heirat Diakonisse im „Diak“ und ihr Vater kam aus Steinbrück/Gemeinde Geißelhardt. Wichtiger als der regionale Bezug ist allerdings, was das Leben der Sophie Scholl zeigt: Der christliche Glaube kann nicht nur unauffällig „im stillen Kämmerlein“ gelebt werden sondern führt, richtig verstanden, zum Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit und, wenn nötig, zum Widerstand, wo immer Recht und Freiheit angetastet oder gar genommen wird.
Viele Schulen wurden „Geschwister Scholl-Schule“ genannt (leider wurden die anderen Namen der „Weißen Rose“ selten erwähnt!), hier hat man sich für den Namen der einzigen Frau des harten Kerns der studentischen Widerstandsgruppe entschieden: Es ist ja schön, wenn mal eine Kirche und eine Gemeinde nach einer jungen Frau benannt ist!
Eine kleine Tafel über dem Grundstein der Kirche weist auf den Namen hin, und zu besonderen Anlässen steht dort eine Vase mit einer weißen Rose: dankbare Erinnerung und Mahnung zugleich.

Am 30. November 2003 (1. Advent) wurde das Sophie-Scholl-Gemeindezentrum eingeweiht.
Viele Gottesdienste und Veranstaltungen haben dort schon stattgefunden und finden statt. Viele Gruppen treffen sich. Zum Gottesdienst wird mit Glockengeläut eingeladen, obwohl es keinen Glockenturm gibt. Im November 2004 hat Glockengießer Glasbrenner der Gemeinde eine kleine Glocke geschenkt, die er beim Salzsiederfest gegossen hatte.

Seit dem 13.01.2013 teilen Christina und Andreas Oelze die Pfarrstelle miteinander.

„Was - eine so neue Kirche und so eine neue Gemeinde?“ Ja, das gibt es! „Das war schon immer so“ hört man hier nicht. „Was sind die Aufgaben, die Herausforderungen, die Chancen heute?“ Diese Fragen werden in der Sophie-Scholl-Gemeinde gestellt, aber auch einfach miteinander Gemeinde erlebt – am Sonntagmorgen, aber nicht nur am Sonntagmorgen!

(Dorothee Gammel)