Unhörbar

Am Starkholzbacher See zwingt mich der stolze Besitzer einer tragbaren Verstärkerbox, seinen Musikgeschmack ausgiebig kennenzulernen. Nachdem er sein Lieblingslied zum dritten mal – jedesmal etwas lauter, über die Wiese und den See rauschen lässt, werf ich ihm den strengsten Blick zu, den ich an einem Donnerstagabend Anfang Juli bei herrlichem Sommerabendlicht hinbekomme. Ich hoffe darauf, dass er seinen Lautsprecher reumütig in den See wirft. Aber mein Nachbar merkt nicht mal, dass ich ihn anschaue. Mein strenger Blick verpufft im Finale des Schlagersongs. Ich muss das wohl noch üben.

In Psalm 19 steht:

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. 

Ein Tag sagt's dem andern, und eine Nacht tut's kund der andern, 

ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme. 

Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt. 

 

Die Natur braucht keine Verstärkerbox.

Himmel und die Erde singen an sich schon wunderbar - ohne Sprache und ohne Worte.

Wer still wird und der Natur lauscht, der hört eine Musik zur Ehre Gottes.

Wer still wird und der Natur lauscht, der kann einer wortlosen Erzählung folgen: Die Schöpfung lobt den Ursprung allen Lebens. Das Werk lobt seinen  Meister.

Wer still wird und der Natur lauscht, der hört einen Klang, attraktiver und unwiderstehlicher als jeder noch so tanzbare Schlager.

Das ist das Lieblingslied, das ich an einem Sommerabend am See hören will..

Vielleicht sollte ich das nächste mal einfach aufstehen, zu meinem schlagerbegeisterten Nachbarn am See hingehen und sagen: „Lass mal meine Mucke reinmachen!“. Dann schalt ich die Box aus und bitte einfach nur hinzuhören: Der Wind weht leicht durch Ähren und Blätter. Frösche quaken in Wellen.  Vergnügtes Gelächter von Kindern, die noch ein letztes mal für heute ins Wasser springen. Und die Abendsonne packt alle Naturgeräusche in weiche Watte.

Wer weiß, vielleicht funktioniert das besser und mein Nachbar wirft dann -  beseelt von so viel Sound - von sich aus seine Verstärkerbox weg. Weil er sie einfach nicht mehr braucht. Und ohne dass irgendwer streng kucken muss.

 

Pfarrer Christian Leidig

 

Sonntagsgedanken im Haller Tagblatt am 13. Juli 2019