​„Beten – Selbstgespräch oder Reden mit Gott?“

Mit „Betet!“ ist dieser Sonntag überschrieben. Oder lateinisch: „Rogate!“ Eine Bekannte schrieb mir dazu: „Am Beten scheiden sich die Geister. Für die einen ist das Gebet etwas ganz selbstverständliches wie Zähneputzen oder die erste Tasse Kaffee am Morgen. Für die anderen ist es ein Mysterium, ein Geheimnis, das sie nicht ergründen können. Was ist das eigentlich - Gebet? Was tun wir, wenn wir beten?“
„Da redest du doch nur mit dir selbst“ sagte mir ein Freund, als ich mit ihm übers Beten sprach. Ich wehrte damals empört ab. Das Gebet als Selbstgespräch? Diese Sicht schien mir ein direkter Weg in den Unglauben zu sein.
Aber dann lehrte mich ein Blick in die Bibel etwas anderes. Wenn wir die Psalmen lesen, begegnen uns Sätze wie „Lobe den Herrn, meine Seele“ oder „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?“  Hier spricht ein Mensch mit seiner Seele. Also noch gar nicht mit Gott, sondern mit sich selbst. Denn was ist die Seele in der Bibel? Sie ist kein Organ irgendwo im Gehirn, nein, die Seele ist meist der Mensch im Gespräch mit sich selbst!
„Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?“ Da fragt einer sich selbst: „Was ist denn los mit mir, warum bin ich so unruhig, so traurig, so aggressiv?“ Man muss nicht an Gott glauben, um zu wissen, dass wir ein „Innenleben“, eine Seele haben. Man muss nur ein wenig auf sich selbst hören. Dann merken wir, dass wir Geschöpfe sind, die Sehnsucht haben nach Sinn im Leben, nach Freude und Vertrauen. Niemand kann darauf auf Dauer verzichten. Und wenn wir es doch tun, dann schreit unsere Seele um Hilfe, sie wird „unruhig in mir“.

Wer keinen Zugang zu seiner Seele findet, der schlägt irgendwann um sich, oder wird ganz sprachlos und depressiv. Wie gut, wenn wir das Gespräch mit unserer Seele kennen und pflegen. Und dann zeigen uns die Psalmen, dass unsere Seele mit ihrer Sehnsucht nach Sinn und Hoffnung nicht alleine ist, dass sie nicht ins Leere greift. Die Bibel ist sicher: Da ist einer, der den Schrei unserer Seele hört und antwortet – tiefer noch, als wir Menschen das je können.

Die Verheißung der Bibel ist: Du kannst Gott einladen in das Gespräch deiner Seele, es muss kein Selbstgespräch bleiben. Es kann sich öffnen zum Himmel hin, kann sich öffnen zur Gegenwart Gottes. Und bald wirst Du merken: „Wenn ich dich, Gott, anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft“ (Psalm 138, 3). Darum: Lasst uns das Gespräch mit uns selbst pflegen – und darauf vertrauen, dass Gott mit dabei ist!


Pfarrer Stefan Engelhart, Untermünkheim

 

Sonntagsgedanken im Haller Tagblatt am 8. Mai 2021