Umkehr als Zeichen von Freiheit

"Bitte wenden!" Die Stimme aus dem Navi nervt. Schon wieder habe ich mich verfahren. Ich habe es eilig. Jetzt Umdrehen kostet Zeit. Aber weiterfahren? Das macht auch keinen Sinn. Ich kann mich ärgern und aufregen so viel ich will, ich muss umdrehen und einen anderen Weg nehmen, sonst komme ich gar nicht ans Ziel. 

Heute ist Buß- und Bettag. Bis 1994 war das ein staatlich geschützter kirchlicher Feiertag, an dem Geschäfte und Schulen geschlossen waren und die Arbeit ruhte. Um die neu eingeführte Pflegeversicherung zu finanzieren, wurde der Feiertag vor 25 Jahren abgeschafft. Zu gering, zu wenig eindeutig, war der Protest von kirchlicher Seite. Auch galt es, zu entscheiden, ob der Pfingstmontag oder der Buß- und Bettag von der Streichung betroffen sein sollte. Die Entscheidung ist zu Lasten des Feiertages mit dem merkwürdigen Namen gefallen.

Der Feiertag ist aufgehoben - die Notwendigkeit der Buße ist allerdings geblieben. Auch wenn wir uns mit dem sperrigen Wort der "Buße" schwertun. Das klingt so nach Büßergewand und Strafe. Dabei hat Buße nichts mit Strafe, sondern, wie beim Navi, mit Umkehr zu tun. Wer sich verfahren hat, tut besser daran, umzukehren. Jesus selbst fasst seine Botschaft unter dem Begriff der Buße zusammen: "Das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1,15) In anderen Übersetzungen heißt es "Kehrt um", statt "Tut Buße", was den positiven Gehalt der Botschaft Jesu vielleicht etwas besser trifft. Vor Gott haben wir die Möglichkeit, dass wir uns ändern können. Wir sind nicht auf Teufel komm raus auf einmal getroffene Entscheidungen festgelegt und können Wege, die sich als Sackgassen erweisen, auch wieder verlassen. Buße eröffnet die Freiheit, eine Entscheidung zu überdenken und einen neuen Weg einzuschlagen. Nur ein Mensch, der umkehren kann und darf, ist wirklich frei. Diese Freiheit im Blick auf uns selbst und vor allem auf unsere Nächsten wird uns von Gott eingeräumt.

Somit ist das Anliegen vom Buß- und Bettag auch 25 Jahre nach seiner Abschaffung nicht vom Tisch. Umkehr ist wichtig in Politik und Gesellschaft sowie im persönlichen Leben. Weil es darum geht, Entscheidungen zu reflektieren und Fehler einzugestehen. Dieser Prozess mag manchmal schmerzhaft sein, aber er führt eher zum Ziel, als auf dem falschen Weg zu bleiben. Deshalb ist es gut, wenn uns heute Abend die Kirchenglocken und manche Gottesdienste daran erinnern: Umkehr ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Freiheit.

 

Gedanken zum Buß- und Bettag im Haller Tagblatt am 18.11.2020

 

Pfarrer Klaus Anthes, Schwäbisch Hall