Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild

70 Jahre Grundgesetz und 100 Jahre Weimarer Reichsverfassung. Nicht nur für alle Staatsbürgerinnen und -bürger, auch für Christinnen und Christen ein Anlass, sich zu freuen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ein großartiger erster Satz. Gilt überall im Geltungsbereich des Grundgesetzes. Ausnahmslos für alle Menschen, die hier leben. Uneingeschränkt, ob Mann, Frau oder wie immer ein Mensch seine Geschlechtszugehörigkeit definieren oder auch offen lassen will. Ganz gleich, welche Hautfarbe er oder sie hat. Unabhängig von jeder Nationalität oder Volkszugehörigkeit. Ob er oder sie an ein höheres Wesen glaubt, daran zweifelt oder lieber ganz ohne Religion sein Leben verbringen möchte. Und auch unabhängig davon, welchen leistungsmäßigen Beitrag er oder sie in unserer Gesellschaft einbringt, Menschen mit Einschränkungen und Superhelden, Großverdiener und die, die kleine Brötchen backen müssen.
Die christlichen Kirchen haben sich lange Zeit schwer getan, die Richtung mitzugehen, die die Weimarer Verfassung mit ihrem Weg zur Demokratie vorgegeben hat. Schon davor versuchte man immer wieder zu behaupten, dass manche Sorten von Menschen zu bevorzugen seien, weil sie zum Beispiel mit ihrer weißen Hautfarbe Gott näher stünden.
Dabei braucht man bloß in die Ursprungsurkunde aller Christen schauen. In der Bibel steht längst so ein Satz drin, der – zwar mit Gottesbezug – aber doch inhaltlich genau das meint, was Artikel 1 des Grundgesetzes auf weltliche Art auch sagt. Gleich ganz am Anfang: Der Mensch ist Gottes Ebenbild. Da steht eben nicht, der und der Mensch und der nicht, sondern einfach: der Mensch. Also alle und jeder, wie oben bereits für das Grundgesetz ausgeführt. Die Gläubigen hätten es sogar noch leichter gehabt als es ein Gesetz hat, denn es ist ja Gott, der jedem Menschen seine Würde zuspricht.
Ganz gleich nun, wie ich die menschliche Würde begründe, ob biblisch oder mit dem Grundgesetz, es beinhaltet einen großen Auftrag für mich und für uns alle: Sieh in jedem und jeder, dem und der du begegnest, den Menschen, dem dieselbe Würde zukommt wie dir. Mach keine Unterschiede, jeder ist Mensch. Der, der alt und pflegebedürftig geworden ist. Die, die mit einem Schlauchboot vom Schiff einer Menschenrechtsorganisation aus dem Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet worden ist. Der, der sich über seine sexuelle Orientierung nicht im klaren ist. Die, die die Schule schwänzt, um sich für das Klima einzusetzen. Und die Aufzählung ließe sich beliebig verlängern. Alle sind gemeint. Die Bibel hält dafür einen Grund bereit: Gott ist der große Menschenfreund, ausnahmslos alle, auch die mit Macken und Kanten liebt er.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag


Matthias Imkampe, evangelischer Religionslehrer am Erasmus-Widmann-Gymnasium

 

Sonntagsgedanken im Haller Tagblatt am 25.5.2019