Gedanken für heute: „Sehr gut!“

Heute gibt es Zeugnisse. Corona-Zeugnisse. Alles ist anders. Aber Noten gibt es trotzdem. Auch in Reli. „Nicht mal ´ne Vier in Religion“ singt Reinhard Mey in seinem Lied zum „Zeugnistag“. Eine „Vier“ - „Ausreichend“. Naja. Andererseits - wer von uns würde wohl, wenn er ganz ehrlich ist, sich selbst eine „Eins“ in Religion geben? Und nach welchen Kriterien? Regelmäßiger Gottesdienstbesuch? Immer beten vor dem Essen? Häufig spenden? Da ist man mit einem „ausreichend“ doch ganz gut bedient. Das reicht aus. Oder?

Das würden wir vielleicht sagen. Die Bibel aber nicht. Gott speist uns nicht mit einer „Vier in Religion“ ab. Im Gegenteil. Gott beginnt unsere Geschichte mit einer „Eins“. „Sehr gut“, sagt Gott am Ende der Schöpfung. Gott hat hart gearbeitet. Erst das Chaos gebannt, das Land getrocknet und das Wasser in feste Bahnen gelenkt. Kiefern gesetzt, Mohn und Oleander. Dann Sonne, Mond und Sterne erschaffen. Clownsfische, Adler und Okapis. Und am Ende uns, die Menschen. Die Bibel erzählt, dass Gott uns sorgfältig formt, wie ein Designer. Füße und Hände, Mund und Ohren. Und dann stehen wir da. Mit nichts in der Hand. Gott sieht uns genau an. Und stellt lächelnd das erste Zeugnis für uns aus. „Sehr gut“. Schlicht und einfach.

Genau zwei Worte hat Gott in der Bibel für dieses unglaublich komplizierte Jahrmilliardenereignis der Schöpfung. Und für uns. „Sehr gut“. Darin liegt die Kraft dieser Worte, in ihrer Schlichtheit. Ohne Einschränkung, ohne differenzierte Leistungsbewertung sieht Gott alles an: „Sehr gut!“

Was Gott so leicht sagt, kommt uns wohl oft schwer von den Lippen. Weil wir ja wissen, dass nicht alles „Sehr gut“ ist. Noch nicht einmal „Gut“. Oder „Befriedigend“. Dass wir versagen und vermutlich oft eher „Vieren“ und „Fünfen“ verdienen als „Einsen“ und „Zweien“, wenn man unser Leben und unsere Welt genau ansieht.

Das weiß die Bibel natürlich auch. Aber gerade darum fängt sie anders an. Damit wir sie nicht überhören, diese ersten Worte Gottes über uns. „Sehr gut“. Und damit wir sie weitersagen. Unseren Kindern, Eltern, vielleicht sogar den Lehrern. Wie es wohl klingt in Schwäbisch Hall, wenn man es überall hört: „Sehr gut“? Einen Versuch wäre es wert.

 

Pfarrerin Dr. Henrike Frey–Anthes (St. Michael / St. Katharina)

 

"Gedanken für heute" im Haller Tagblatt am 29.7.2020