Das Leben feiern

Dieser Tage bekamen wir eine Einladung, von Freunden.
Da war ich doch überrascht. Sie schien mir ein wenig aus der Zeit zu fallen. Nicht nur weil es ja kaum mehr Feste gibt. Sondern weil dieser Freund ein Coronapatient ist, der wochenlang an einer Beatmungsmaschine hing und förmlich zwischen Leben und Tod schwebte. Wir haben um sein Leben gebangt und gebetet. Und jetzt diese Einladung für den Herbst. Die Erleichterung, als er über den Berg war, hatte ich auch gespürt und bin bis heute dankbar! Aber ein Fest, das lag außerhalb meines Horizonts.

Zuerst schien es mir fremd, aber auf den zweiten Blick doch das Normalste der Welt. Ein Comeback muss gefeiert werden, wir können doch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen – als ob nichts gewesen wäre. Das ist ein Fest wert. Und ich freue mich darauf!

Etwas davon hallt in mir nach: nicht einfach zur Tagesordnung übergehen – der Dankbarkeit und der Freude Raum geben. Nach dem Bangen und Beten sucht sich das Leben wieder seine Bahn. Das Leben feiern, die Schonung vielleicht, dass wir miteinander leben dürfen, dass wir miteinander gelernt haben in diesen Wochen. Die Dankbarkeit in mir wachsen lassen und der Freude Ausdruck verleihen. Nicht allein, sondern mit anderen. Es muss ja nicht gleich ein Fest sein, vielleicht nur ein Glas Sekt in der Familie, um zu erzählen und sich das bewusst zu machen. Vielleicht auch nur ein stilles Dankgebet in einer offenen Kirche.

Wir haben zur Zeit immer noch Grund zur Sorge, daneben aber auch viel Grund zur Dankbarkeit und Freude. Denn es ist vieles auch gut gelaufen, sogar gut gelungen und vieles habe ich oder haben wir in unseren Familien oder als Gesellschaft in diesen Momenten gelernt. Dies zu sammeln und zu würdigen, ist es wert. Ein Corona-Erntedank sozusagen. Natürlich – das ist klar – wir sind noch nicht durch, aber eine Zwischenetappe darf auch ihre Bedeutung bekommen.

Erst ganz zum Schluss ist mir aufgefallen: Gott ist auch so. Er will feiern. Er ist wie dieser Vater, von dem Jesus erzählt: Als die Krise in der Familie überraschend zu Ende gegangen war, hat er einfach ein Fest gemacht: spontan, voller Freude, mit Essen, Trinken, Gesang und Tanz - so ist Gott.

Das Leben feiern, die Rettung oder die Schonung, das können wir auch!

 

Pfarrerin Ruth Kern, Michelfeld

 

Gedanken für heute im Haller Tagblatt 27. Mai 2020