Predigten

Kreuzäcker-Sonntagspost 22.03.2020- Macht der Sabbat jetzt auch Sabbat?

2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.

3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.

 

Ich kann nicht behaupten, dass meine Arbeitstage im Leben vor Corona einen klaren Rhythmus gehabt hätten. In meinem Kollegenkreis haben so etwas, wenn überhaupt, nur die ganz erfahrenen Pfarrer hingekriegt, die im Wechsel von Besuchen, Sitzungen, Beerdigungen und Schreibarbeit irgendwie Muster erkennen konnten und ihre Pläne diszipliniert in die Tage hineingetaktet haben.

Trotzdem: Bezogen auf die ganze Woche gab es so etwas wie einen  ground-beat, ein Grundtakt war vor Corona Woche für Woche da: Am siebten Tag  stand ein Gottesdienst mit einer Predigt. Jeden Dienstag die Frage, was der Predigt-Bibeltext mit unserem Leben hier in Kreuzäcker zu tun hat. Einmal in der Woche dann der Schreck: Oh, ich hab noch keine Lieder an die Organistin durchgegeben! Und irgendwann zwischen Freitagnachmittag und Sonntagfrüh setzen dann die Predigtwehen ein -  bis dann am Sonntag um 10 die gute Nachricht da ist: Eine Predigt ist uns geboren! Liebe Gemeinde... 

 

Corona hämmert mir gerade heftig gegen diesen Wochentakt.  Der Rhythmus kommt schwer durcheinander. Überall piepst und und flackert etwas zu jeder Tages- und Nachtzeit, während draußen wetterabhängig große Ruhe oder abstandsvolles Flanieren herrscht. Ich führe Telefonate zu den ungewöhnlichsten Zeiten. Und unablässig geht der Blick auf die Nachrichtenportale. Wie entwickelt sich alles? Was wird noch abgesagt und verschoben? Welche Regelungen gelten jetzt?

 

Als Kirche üben wir in dieser Zeit Solidarität und versammeln uns gerade deshalb nicht. Trotzdem war es heute seltsam, die Glocke unserer Kreuzäckerkirche zum Sonntagsgottesdienst zu läuten ohne zu feiern: Ich zünde alleine die Osterkerze an und spreche ein Vater Unser. ich trete vor die Kirche. Niemand da. Nur ein Mann läuft unter dem Glockengeläut langsam über den Limpurger Platz – aber nicht zur Kirche. Er hat eine Tüte in der Hand und möchte offensichtlich einkaufen. Der Knausi hat zu. Er läuft wieder weg. Unsere Blicke treffen sich kein einziges mal.

 

Was würde ich heute zu Ihnen/Euch predigen, wenn wir hier versammelt wären? Auf zeitzeichen.net schreibt Günther Thomas, Professor für Systematische Theologie: „Inmitten der Coronakrise kann die Kirche nicht sagen ,der alles so herrlich regieret´ “ Ist die Weise, wie wir Gottes Vorsehung und Allmacht denken, jetzt also brüchig geworden? Wie können wir jetzt angemessen von Gott und unserem Glauben reden?

 

In diesen Tagen der Unterbrechung schlage ich nach, was in der Bibel über den Sabbat steht.

2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.

3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.

 

Gott ruht sich aus. Einen ganzen Tag lang. Er fährt runter. Macht erst mal nichts. Das ist vielleicht nicht das erste Handeln, das wir uns in diesen Tagen von ihm erbitten. Aber was hier steht, will ich mir wenigstens heute zu Herzen nehmen. Wenn sich Gott schon in all seiner Allmacht ausruht, dann sollte ich das heute auch tun. Gerade jetzt in diesen Tagen der Rhythmuslosigkeit. Wenigstens einen Tag lang die Ausnahmesituation medial unterbrechen. Heute werde ich keine Nachrichten schauen und hören. Heute mach ich Sabbat.

 

Bemerkenswert auch, dass Gott diesen Ruhetag heiligt und segnet. Im Zusammenhang der Schöpfungsgeschichte ist der Segen Gottes oft unmittelbar mit Nachkommenschaft verbunden: Seid fruchtbar und mehret Euch sagt Gott zu den Menschen als er sie segnet.  Wenn Gott den Sabbat segnet heißt das: Gottes geheiligter Ruhetag wird ebenso auf Ewigkeiten Nachkommen haben. Solange sich diese Erde dreht, wird es diesen Tag der Ruhe geben. Der Rhythmus bleibt. 

 

Das entspannt doch etwas, selbst wenn ein paar Takte zwischendurch durcheinanderkommen.

Herzliche Grüße, eine gesegnete Pause

 

Ihr Pfarrer Christian Leidig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Predigttext für den 15.03. – Sonntag Okuli Lukas 9,57-62

Lass die Rituale der Hoffnungslosigkeit hinter dir

 

PREDIGT  zur aktuellen Situation anhand des Predigttexts für den 15.03. – Sonntag Okuli

Lukas 9,57-62

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.


57
 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm:
 Ich will dir folgen, wohin du gehst.
58 Und Jesus sprach zu ihm:
Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
59 Und Jesus sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
60 Er aber sprach zu ihm:
Lass die Toten ihre Toten begraben;
du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

61
 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.
62
 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

 

Drei Personen begegenen Jesus. Drei mal sagt Jesus prägnante Sätze zur Nachfolge. Es sind drei Sätze, die heute und hier auch zu uns sprechen. Drei Sätze mit auf den Weg der Nachfolge für die kommenden Wochen.

 

Ein erster Satz:

 

Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

 

Gottes Sohn ein Obdachloser. Einer, der nicht mal einen Ort hat, wo er für sich die Nacht ausruhen kann. Keinen geschützten Raum, wo er sich zurück ziehnen und sicher fühlen kann.

 

In diesem Leben Jesu zeigt sich Gottes Wille. Es zeigt sich, mit wem in der Welt sich Gott gleich macht.

Wir glauben an einen Gott, der die Not dieser Welt teilt. Ein Gott der mit uns geht durch Zeiten der isolation, durch Zeiten der Krankheit, durch Zeiten der Angst.

 

Jesus nachzufolgen heißt zu wissen, dass Gott mit uns ist, selbst bei Herausforderungen, die wir noch nie hatten. Er teilt unsere Sorgen und einsamkeit. Er teilt mit uns die Schwierigkeiten, die uns begegnen.

 

 

Im zweiten Gespräch der Aufruf:

Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Kurz vor diesen drei Gesprächen erzählt das Lukasevangelium von einer Bestattung. Jesus kommt in eine Trauergesellschaft. Die Tochter des  Jairus ist gestorben.
„Sie weinten aber alle und klagten um sie.“

Und in dieses Trauerklagen hinein sagt Jesus:

„Weint nicht, denn sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft.
Und sie verlachten ihn, denn sie wussten, dass sie gestorben war.
Jesus aber nahm sie bei der Hand und rief: Kind, steh auf!”

Mit dem Satz: Lass die Toten ihre Toten begraben; will Jesus nicht dazu aufrufen, dass wir in der Nachfolge grundsätzlich keine Menschen mehr bestatten sollen.

 

Es geht ihm darum, dass wir in der Nachfolge alle Rituale hinter uns lassen, die Hofnungslosigkeit predigen. Rituale, die nicht weitersehen als bis zu einem diffusen Nebel von Angst und Verlust.

 

Stattdessen sollen wir die Botschaft Gottes den Menschen sagen. Die gute Nachricht von einem Leben mit Ihm. die Nachricht, dass Jesus nachzufolgen heißt, dem Leben und der Hoffnung auf der Spur zu sein. Die Nachricht davon, dass Gott regiert und das Leben möchte.

 

Deshalb machen wir nicht mit bei allen Ritualen der Hoffnungslosigkeit. Wir sind entpflichtet und befreit davon, so einzukaufen als würde am nächsten Tag alles dicht machen.

 

Wir machen aber genauso nicht mit bei hoffnungslosen Ritualen der Verleumdung und Verurteilung.

Gerade die Hamsterkäufer  wurden ja die neue Zielscheibe von Vorwürfen und Beschuldigungen. Wer weiß, welche Gruppe als nächstes ins Visier von Verdächtigungen und Verurteilungen gerät.

 

Jesus ermahnt uns, die Wellen von Empörung und Panikmachen, die Rituale von Beschuldigung und Zorn hinter sich zu lassen:  Lass die Toten ihre Toten begraben. Kümmer dich lieber um die Botschaft des Lebens.

 

Es ist der radikale Aufruf jetzt und hier alle Rituale der Hoffnungslosigkeit zu kappen. Ein radikaler Cut.

Jetzt fang an. Geh hin und verkündige das Reich Gottes. Alles andere kannst du getrost hinter dir lassen. Es gibt kein Aufschieben. Jetzt ist Zeit, die Botschaft Gottes weiterzusagen.

 

Jetzt ist die Zeit, solidarisch und hoffnungsvoll zu reden und zu handeln.

 

Wir verkündigen Gottes Reich, weil wir wissen, dass sein Morgen kommt. Ein Morgen, an dem wir durch sind mit Krankheit. Ein Morgen, an dem es keine Angst und keine Tränen mehr geben wird.

 

Und von diesem Morgen her lasst uns heute leben! Als Protestleute gegen Tod und Verzweiflung!

 

Ein dritter Satz Jesu, den wir mit auf die Nachfolge bekommen:

 

Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

 

Wir sind mitten in der Passionszeit. Und für unser Land, für unsere Welt, liegen herausfordernde schwierige Wochen vor uns.

 

Jesus ruft uns. – Und in diesen Wochen gehen wir vertrauensvoll voran.  Schritt für Schritt. Auch wenn wir oft nichtmal wissen, was die nächste Stunde bringt. 

 

Gerade da ruft Jesus dazu auf, weiter nach vorne zu schauen. Über das gerade nur Sichtbare hinaus. Er ruft uns sein Ziel vor Augen zu haben, seine Auferstehung, Ostern. Den Morgen, an dem der Tod besiegt ist. Den Morgen an dem unsere Schwäche und Krankheit überwunden sind.

 

Schau nicht zurück.

Die Lage ist, wie sie ist. Ärger dich nicht über die Entschlüsse der vergangenen Woche, über die Entscheidungen die Stunde für Stunde rausgingen.

Schau nicht im Grimm zurück, was vielleicht schwierig oder falsch lief.  auch im Privaten.

 

Schau lieber nach vorne.

Schau nach vorne auf das Kreuz und die Auferstehung.

Und beurteile und bewerte die heutige Situation von dieser Zukunft her.

 

Vergib, wie Christus vergeben hat.

Nimm an, wie er angenommen hat.

Fang an Hoffnung zu säen, Gutes zu erwarten.

Verhalt dich solidarisch, 

Teile, wie er geteilt hat.

 

Denk gut von deinen Nachbarn,

Denke gut von den Menschen, die gerade verantwortlich entscheiden für unser Land. 

 

Bleib nüchtern.

 

Bete.

 

Der Weg der vor uns ist, wird herausfordernd sein.

Wir laufen aber los und vertrauen darauf, dass am Ende dieses Wegs der Morgen der Auferstehung steht, wenn Krankheit und Tod überwunden sind.

 

Sein Morgen kommt.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

Amen.