Geschichte der Kirche

Die Ev. Kirche in Geißelhardt ist im Jahr 1875 erbaut worden. Ihr Baustil ist kameralistisch. Was ist darunter zu verstehen? Nach der so genannten Säkularisation in den Jahren 1803-1806 hat sich der Staat bzw. der König verpflichtet, für den Bau und den Unterhalt von Kirchen und Pfarrhäusern zu sorgen und zwar für „immer“. Das Vermögen der Kirche wurde zuvor „eingezogen“. Die Kirchenleitung war nur noch eine Abteilung im Kultusministerium. Die Pfarrer waren so etwas wie „königliche Beamte“. Für die finanziellen Belange war das „Cameralamt“(heute Finanzministerium) zuständig. Nach dessen Vorschriften musste gebaut werden. Bis ca. 1840 werden Kirchen (z.B. Grab, Neuhütten, Großerlach, Neulautern)gebaut, die nach einem Musterplan mit möglichst wenig finanziellem Aufwand erstellt worden sind. Man nennt diesen Stil auch den „Schafstallstil“ oder den „Ballhausstil“. Eigentlich, so wurde spöttisch argumentiert, kann das Gebäude überall gleich sein. In einem wird getanzt, im anderen werden Schafe gehalten, im dritten wird eben gebetet und gepredigt. Eine künstlerisch wertvolle Ausstattung braucht es dazu nicht. Es ist auch kein großer Turm nötig und kein Chor. Als die Geißelhardter Kirche erbaut wurde, hat sich bereits eine andere Sicht durchgesetzt. Man nennt sie deshalb auch eine „spätkameralistische“ Kirche. Sie ist zwar auch nach bestimmten Vorschriften erbaut, wurde aus der „Armenschatulle“ des Königs bezahlt(und ist bis heute in staatlicher Bauunterhaltung). Aber äußerlich bekommt der Turm eine beherrschende Wirkung, darunter ist ein heller, freundlicher Chor Das Besondere aber ist die Ausgestaltung im Innern. Der Chor hat großflächige Fresken- ein blauer Himmel und ein in dunklem Rot stilisiertes Zelt als Zeichen menschlicher Existenz. Auch wenn man von Stildurchmischung spricht, hat der beginnende Jugendstil seine ersten Spuren hinterlassen in einem von neoromanischen Rundbögen beherrschten Gebäude, das den Grundriss einer Basilika hat. Es gibt eine reichhaltig bunte Ornamentik mit vielen symbolischen Details. Die Kreuzblume hat ein besonderes Übergewicht. Dem staatlichen Architekten(Oberbaurat v. Landauer) wurde viel Spielraum gelassen. Er hat ihn genützt und einen Raum geschaffen, der mit seiner Wärme dazu einlädt, sich wohl zu fühlen. Anfang des vorigen Jahrhunderts hat man die freundlichen Farben in ein nüchternes Grau gestaltet. Erst bei der Innenrenovierung 1988 wurde wieder die ursprüngliche Atmosphäre geschaffen. Das farbige Glasfenster im Chor(Passion und Auferstehung Jesu, sowie Porträts der Apostel) wurde 1954 von Wolf Dieter Kohler geschaffen. Zur selben Zeit erhielt die Eingangstüre ihre Holzschnitzereien(Szenen aus dem Leben Jesu) von Bildhauer Henn.

Dass die Geißelhardter Kirche so enorm groß ist, hat etwas mit den Bauvorschriften zu tun. Für 2/3 aller Gemeindeglieder musste ein Sitzplatz gewährleistet sein. Die Kirchengemeinde Geißelhardt zählte damals ca. 1100 Gemeindeglieder. In der Kirche fanden rund 700 Personen Platz. Falls es nötig werden würde, konnte eine zweite Empore eingebaut werden. Wie man weiß ist dieser „Notfall“ nie eingetreten. Doch deshalb ist die Kirche so enorm hoch. Nach der Renovierung finden in der Kirche ca. 400 Personen Platz. Wie die Erfahrung zeigt, passen alle hinein, die hinein wollen. Es sind alle herzlich eingeladen, um Kraft zu schöpfen für den Alltag.