Krabbelnde Lebensfreude

Wegen seines Aussehens und der Fluggeräusche ist die Begegnung mit einem Maikäfer schon eine besondere Begegnung. Der Liedermacher Reinhard Mey sang  in den 1970. Jahren: „Es gibt keine Maikäfer mehr“. Wann haben Sie zuletzt einen Maikäfer in den Monaten April und Mai zu Gesicht bekommen?   

In Wilhelm Buschs Geschichte von Max und Moritz spielen im fünften Kapitel die Maikäfer dem Onkel Fritz einen frechen Streich.

Der Maikäfer ist ein Bild von krabbelnder Lebensfreude. Mit seinem Krabbeln und tiefen Brummen macht es Freude, ihm zuzuschauen und ihn zu hören. Voller Eifer stürzt er sich in das neu entdeckte Leben, liebt das Licht und ist glücklich, nach so vielen Jahren der Enge und geringen Bewegung endlich zu so viel Bewegungsfreiheit gekommen zu sein. So geht es uns nach den Wintermonaten auch. Auch wir freuen uns, wenn wir das Kinderlachen wieder vom Spielplatz hören können, wenn die Kinder wieder draußen herumtoben können.

Manchmal ist der Maikäfer ganz taumelig. Aber er ist auch liebenswert wegen seiner taumelnden, torkelnden Art, die immer ein bisschen schwerfällig wirkt. Hat ein Kind ihn mit der Hand niedergeschlagen, braucht er eine Weile, um sich wieder zu berappeln.

Manchmal sind wir auch nicht stark und sicher, sondern fühlen uns auch unsicher und wackelig und lassen uns schnell erschrecken von der schnellen oder gar groben Art der anderen. Aber wir sind dann auch eigentlich umso liebenswerter, weil wir nicht immer die Helden sind.

Eigentlich sind alle Geschöpfe ein Lob Gottes, der die Welt so schön gemacht hat. Ob es nun Käfer sind oder Katzen, Hunde, Pferde oder Vögel, oder die Menschen in den verschiedenen Arten und Hautfarben: Sie alle sind ein Bild für die unglaubliche Schöpferkraft Gottes.

Im letzten Psalm der Bibel, im 150. Psalm, Vers 7, werden alle Geschöpfe, die Atem haben, aufgerufen, Gott zu loben: Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!

Die Zeit nach dem Frühlingsanfang und dem kommenden Monat Mai, dem

„Wonnemonat“ Mai, wie er genannt wird, ist immer wieder ein Grund, die Lebensfreude neu zu entdecken. So vieles erwacht zu neuem Leben. In dieser Zeit singen die Vögel besonders schön. Tag für Tag entfalten sich mehr Blätter und Blüten, man kann gar nicht so schnell zuschauen. Und auch in uns geschieht etwas von neu erwachendem Leben.

Die sogenannten „Lebensgeister“ wachen wieder auf und lassen uns neu staunen über den großen Reichtum an Schönem, das das Leben für uns bereithält. In diesem Sinne dürfen wir dankbar sagen: Alles was Odem hat, lobe den Herrn.  

 

Reinhard von Brandenstein    

 

Pfarrer in Mainhardt  

 

Sonntagsgedanken im Haller Tagblatt am 21.4.2018