„Frau Pfarrer, ich bete jeden Tag für Sie!“

Es hat mich berührt, als eine ältere Frau vor einiger Zeit diesen schönen Satz zu mir gesagt hat. „Wissen Sie, ich kann nicht mehr viel arbeiten und leisten. Aber beten kann ich noch! Drei mal am Tag, morgens, mittags und abends setze ich mich in meinen Sessel.  Dann sage ich Gott die Namen meiner Kinder und Enkel, jeden einzelnen. Ich bete für meinen verstorbenen Mann, die Geschwister und Verwandten, für meine Nachbarn und andere Menschen im Dorf und auch für Sie, dass Sie genug Kraft bekommen für Ihre Arbeit.“
Wie ein kleiner Schatz begleiten mich diese Worte seither. Immer wieder, wenn etwas gut gegangen oder gelungen ist, wenn etwas Beglückendes geschieht, kommen sie mir in den Sinn.

Es ist etwas Wertvolles, wenn ein Mensch für einen anderen betet. Er bringt den Namen, die Persönlichkeit, die Lebenssituation dieses besonderen Menschen vor Gott und bittet ihn um Beistand und Hilfe für dessen Leben.
Von Martin Luther gibt es den schönen Satz: „Fürbitten heißt: Jemandem einen Engel senden“.

Morgen feiern wir in unseren Kirchen den Sonntag „Rogate“, das heißt: „Betet!“.
An diesem 6. Sonntag der Osterzeit regt das Kirchenjahr uns dazu an, über die Bedeutung und den Wert des Gebetes nachzudenken und uns vielleicht neu darauf zu besinnen, welch große Kraft darin liegt.  
Beten kann man auf vielfältige Weise: Mit geprägten oder eigenen Worten, laut oder leise, allein oder in der Gemeinschaft mit anderen. Man kann das eigene Leben vor Gott hinlegen, die Ängste und Sorgen, aber auch den Dank und das Glück. Und man kann für andere beten. Ihnen einen Engel senden, und sie der Fürsorge und Hilfe Gottes anvertrauen.

In der kommenden Woche treffen sich Hunderttausende von Menschen beim evangelischen Kirchentag in Berlin, Wittenberg und sechs weiteren Orten auf dem Weg. Unzählige Gebete werden in diesen Tagen gedacht, gesprochen und gesungen werden, im kleinen Kreis und in großen Gottesdiensten. Gemeinsam wird an die Mitmenschen gedacht, die in unserer Welt unter Armut, Hunger, Gewalt und Ungerechtigkeit leiden. Und an die, die man persönlich kennt und der Güte Gottes anvertrauen möchte.
Vielleicht sind der Sonntag Rogate und der Kirchentag ein guter Impuls, sich an die heilsame und stärkende Kraft des Gebets zu erinnern. Das eigene Leben und das anderer Menschen in Gottes Hände zu legen. Und ihnen einen Engel zu senden!
 

Susanne Meyer

 

Sonntagsgedanken im Haller Tagblatt am 20.5.2017