Auf der Treppe


 Gegen Ende des Stücks „Don Camillo“ auf der Treppe von St. Michael setzt die alte Lehrerin kurz vor ihrem Tod zu einer heftigen Tirade an. Christus am Kreuz ist, wie häufig im Stück, herabgestiegen und hört sich ihre Klagen über die Welt, die italienische Gesellschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit und ihren Ort recht kleinlaut an. Und dann sagt sie zu Jesus: „Und du solltest deine Hände auch nicht in den Schoß legen.“ Worauf er antwortet: „Wie sollte ich?“ und breitet die Hände aus wie am Kreuz.
Die Haller Inszenierung und der Autor Giovannino Guareschi zeigen mit Witz und tiefem Ernst Jesu Ohnmacht und Macht. Er ist nicht nur das Gewissen Don Camillos. Er hat mit allen zu tun, die im Stück zu sehen sind. Jesus lässt sich nicht von der Kirche, nicht von den Konservativen und auch nicht von Don Camillo vereinnahmen. Auf der Treppe schwenkt er die Rote Fahne, experimentiert mit Wasser und Wein und trägt sein Kreuz, während alle andern ausgelassen sind.
Ich erinnerte mich während des Stückes auf der Treppe, wie ich als Jugendlicher Don Camillo gelesen und gedacht habe, hier kann man Jesus anders, vielleicht sogar besser verstehen als in der Kirche damals bei mir im Dorf.
Die Inszenierung brachte uns zum Lachen, zum Mitfühlen und Nachdenken – mir schien, ich konnte die Nachdenklichkeit auf manchen Gesichtern sogar sehen. Die Kunst hat andere Möglichkeiten und Freiheiten als die Kirche – nicht zuletzt durch die Komik.
Jetzt im Jahr des Reformationsjubiläums erinnern wir uns besonders daran, dass Worte befreiend wirken sollen und können und dass damals vor fünfhundert Jahren der Mönch Martin Luther eine überwältigende Befreiung durch Gottes Wort erfahren hat. Ein Lob, Kompliment oder ein freundliches
Wort kann einen Tag zu einem glücklichen Tag machen und uns befreien. Worte können aber auch das Gegenteil bewirken. Wenn wir jetzt zurückschauen auf 500 Jahre Evangelische Kirche diskutieren wir recht kontrovers, ob, wann und inwiefern aus Luthers Kirche eine Kirche der Freiheit geworden ist. Die Lehre, das Rechthaben und die vermeintlich gottgegebenen politischen und sozialen Ordnungen waren jedenfalls oftmals wichtiger als die befreienden und notwendigen Worte. Und dennoch - eine befreiende Kirche zu sein oder zu werden, ist noch immer ein lohnender Auftrag.
Der Christus am Kreuz aus der Po-Ebene, den wir auf der Treppe sahen hat daran erinnert. Er befreite von der Fixierung auf die eigenen Interessen, Werte und Absichten und öffnet ungewohnte Perspektiven. Das Lachen hat dabei geholfen.
 
Pfarrer Dr. Johannes-Friedrich Albrecht, Oberaspach
 
 
Sonntagsgedanken im Haller Tagblatt am 19. August 2017