Bis zum Herbst ist es nicht mehr lang: Reformationsjubiläum und Bundestagswahl

 

Diese Woche war der Reformationstruck in Schwäbisch Hall. Die Stadt des Johannes Brenz gehört zu den Reformationsstädten Europas. Im Herbst wird der 31. Oktober einmalig ein gesetzlicher Feiertag, auch bei uns. Bis dahin wird ein neuer Bundestag gewählt sein. Reformation und Bundestag – passt das zusammen? Darf man die Frage stellen, was Luther wohl wählen würde?

Die Frage führt vermutlich nicht weiter, aber einen Impuls für das Verhältnis von Glauben und Politik hat Martin Luther gegeben. Er tat dies programmatisch in seiner Schrift „Von weltlicher Oberkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“.

Darin entfaltet Luther 1523 die Lehre von den zwei Regierungsweisen Gottes. Auf der einen Seite steht das „Reich zur Linken“. Es ist für Luther die von Vergänglichkeit, Tod und Sünde befallene Schöpfung, die Gott aber trotz des Sündenfalls nicht sich selber überlässt. Hier herrschen Ordnungen und Gesetze, und durch Anwendung der menschlichen Vernunft kann verhindert werden, dass das Chaos sich ausbreitet.

Auf der anderen Seite steht das „Reich zur Rechten“. Hier geht es um die Offenbarung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus. Hier ist das Evangelium im Zentrum, und es ist die Aufgabe der Kirche, auf dieses Evangelium hinzuweisen. Hier findet der Mensch Heil durch den Glauben an Jesus Christus, weil seine Schuld vergeben ist, und er durch ihn den Zugang zum himmlischen Vater hat.

Wer dies glaubt, bleibt dennoch bis zur Wiederkunft Christi auch ein Bürger und muss beziehungsweise darf seinen Beruf „im Reich zur Linken“ ausführen. Beruf ist dabei für Luther viel weiter gefasst, als wir dies heute verstehen. Beruf ist für ihn jede Berufung in die Verantwortung, sei es in Familie, Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder auch in der Politik. Hier übernimmt der Christ Verantwortung für die Menschen, die Gott ihm anvertraut hat. Die konkreten Einzelentscheidungen entspringen dabei einem vernünftigen Abwägen von Pro und Kontra.

In unserer Zeit gibt es die unterschiedlichsten politischen Angebote. Damit verbunden ist unsere Möglichkeit, nach vernünftigem Abwägen einer bestimmten Partei unsere Stimme zu geben. Hier werden Christen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. So ist eine wirtschaftsliberale Position, die die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im Blick hat, nicht unchristlicher als eine linke Position, die eine möglichst egalitäre Gesellschaft anstrebt. Unchristlich wird die Politik freilich dann, wenn sie den eigenen Vorteil sucht oder aber quasi-religiöse Verehrung einfordert.

Nach Luther besteht auch für die Kirche die Gefahr, dass sie ihrer Berufung untreu wird. Dies ist dann der Fall, wenn sie selbst zur politischen Akteurin wird und darüber die Verkündigung der frohen Botschaft vernachlässigt. Denn die Kirche ist kein Selbstzweck, sondern dazu berufen, auf Jesus Christus hinzuweisen.

Sonntagsgedanken im Haller Tagblatt am 14.01.2017