Visionen – kein Grund, zum Arzt zu gehen…

Auf der Rückfahrt vom Dreikönigs-Lauf 2016: Ein junger Afghane sitzt neben mir. Sein Gesicht weist zahlreiche Spuren erlittener Gewalt auf. Leise erzählt er einen Traum, der ihn sehr aufgewühlt haben muss: Vor ihm steht ein weiß gekleideter Mann. In der Hand hält er eine Schale mit schönen Früchten, die er aus einem vorbeifließenden Strom herausgeholt hatte. Der junge Mann hält ebenfalls eine Schale in den Händen - sie ist mit etwas Schwarzem gefüllt. 
Die weiße Erscheinung reicht ihm seine Schale und sagt: „Nimm die Früchte und iss sie. Gib mir deine Schale. In ihr ist alles, was dein Leben dunkel macht – auch deine Schmerzen und deine Angst“.  
Nachdem der Afghane fertig erzählt hatte, schaute er mich fragend an. Ich versuche, den Traum zu deuten: „Ich glaube, dieser Mann war Jesus. Dein Traum beschreibt nämlich genau das, was geschieht, wenn wir Abendmahl feiern. Wir geben ihm ab, was unsere Seele dunkel macht. Dafür bekommen wir aus einer Schale Saft oder Wein von guten Früchten – nämlich Weintrauben. Er schenkt uns damit Vergebung und Heilung. Der Strom, in dem die Früchte schwammen, könnte Sinnbild für das sein, was uns Leben schenkt.“ 
Kurze Zeit später kehrte der Afghane überraschend wieder in die Heimat zurück. Sein Heimweh war wohl doch größer als die schlimmen Umstände dort.
Im Buch der Offenbarung (1,9-18) wird uns eine Jesus-Erscheinung beschrieben, die der Seher Johannes gehabt hat. Er war im Zuge der Christenverfolgung (wohl durch Kaiser Domitian) auf die türkische Insel Patmos verbannt worden. Getrennt von seiner Familie, weit weg von seinen Gemeinden lebte er dort in großer Einsamkeit. Patmos, die Insel der Gefangenen - ein trostloser und heißer Ort. Ausgerechnet hier wurde er „vom Geist ergriffen”: Jesus erscheint ihm, nun aber in einer so überwältigenden Weise, dass er wie tot zu Boden stürzt. Eine Stimme sagt: "Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige". Die Hand von Jesus berührt die Schulter des Sehers. Der auferstandene Jesus lässt Johannes nicht auf dem Boden liegen. In einer Reihe von Visionen zeigt er ihm dann, was kommen wird. Die Bilder sind für uns schwer zu deuten. Aber die Botschaft ist klar: Was immer geschieht, unser Schicksal wird nicht von zufälligen Umständen oder von den Herrschern dieser Welt entschieden. Auch Verfolgung, Schmerz und Folter werden eines Tages ein Ende haben. Es gibt - gegen allen Augenschein - einen, der unsere Welt in seiner Hand hält: Jesus Christus.

Pfr. Johannes Beyerhaus, Hessental

 

Sonntagsgedanken im Haller Tagblatt am 20.01.2018